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Welt vom 19.02.2017 - von Dankwart Guratzsch

Schinkel ade: Obwohl der Wiederaufbau der Bauakademie beschlossene Sache ist, sollen mögliche „Nutzungen“ Vorrang bekommen. Damit versündigt man sich an einer Ikone der architektonischen Moderne.
Es hatte alles so verheißungsvoll geklungen. Schinkels Bauakademie soll wiederaufgebaut werden. Der Haushaltsausschuss des Bundestages hat das Geld bewilligt. Es kann sofort losgelegt werden. Aber nun kommt es genauso wie bei der unseligen, vom Bundestag dekretierten Einheitswippe.
Die forschen Haushälter mit ihren bevölkerungsnahen Entscheidungen werden von den Politikern vorgeführt. Denn was das Bundesbauministerium aus der Bauakademie macht, ist – wie sich jetzt herausgestellt hat – völlig offen. Ehe gebaut wird, soll erst einmal gründlich debattiert werden, was in das Haus für Nutzungen hineingepfercht werden sollen.

Freie Bahn für Experimente?
Dann soll „experimentiert“ werden, wie sich das Bauprogramm mit modernsten Anforderungen des Baugesetzbuches, des Klimaschutzes, der Behindertengerechtigkeit und der gastronomischen Bedürfnisbefriedigung der Nutzer und Besucher in Einklang bringen lässt.
Am Ende soll in einem Architektenwettbewerb herausgefunden werden, wie ein Gebäude auszusehen hätte, das alle diese Bedingungen erfüllt.
Das heißt aber im Klartext: Schinkel ade. Was kümmert uns das Geld des Steuerzahlers, wir machen sowieso, was wir wollen.
Das ist das ernüchternde Fazit des „Statusforums“, mit dem Bundesbauministerin Hendricks soeben eine dreiteilige Veranstaltungsreihe zur Bauakademie im überfüllten Saal des Berliner Kronprinzenpalais gestartet hat. Allein das Interesse zeigte, wie viele Erwartungen sich an dieses seit Jahrzehnten geplante, von der Politik immer aufs Neue blockierte Bauvorhaben knüpfen. Denn Schinkels Bauakademie ist die Ikone der architektonischen Moderne.

Schinkels Revolutionierung der Welt
183 Jahre vor dem Bauhaus zeigte der preußische Architekt im Alleingang, wie sich zweckrationale und ästhetische Ansprüche in einem neuen Bautyp vereinen lassen. Es war die erste künstlerische Adaption der Gesetze des Industriezeitalters in Städtebau und Architektur. Es ging um nichts Geringeres als eine Revolutionierung der Welt.
Wenn dieser Durchbruch an der wiederaufgebauten Bauakademie erfahrbar sein soll, dann kann es nur um Schinkel ohne Wenn und Aber gehen, um ein Modell des Originalbaus im Maßstab 1:1, und nicht um die Überformung und Überfrachtung des Bauwerks mit Nutzungen, die nur noch seine Kubatur aufnehmen, aber mit seiner Sinngebung nichts mehr zu tun haben.

Orientierung an allerlei „Zwecken“
Stattdessen tischten die hochrangigen Vertreter der Berliner Kulturszene in guter alter funktionalistischer Manier ein wahres Leipziger Allerlei an möglichen künftigen „Zwecken“ des Hauses auf, die ohne Rücksicht auf dessen tatsächliche Kapazität und Ausstattung hineingestopft werden sollen.

Wenn es wirklich um den Wiederaufbau von Schinkels Bauakademie gehen soll, müsste die Vorgehensweise genau umgekehrt sein. Sie müsste vom Gebäude und seiner vorbildlosen Konstruktion ausgehen, die für sich allein eine einzigartige „Lehranstalt“ für Ethos und Anspruch modernen Bauens darstellt.
Zu solcher Demut vor Schinkels Baus ist der schwerfällig voran- (und immer wieder zurück-)trottende Tross der Baufunktionäre von heute nicht mehr in der Lage. Er will seine eignen selbstherrlichen „kreativen“ Akzente setzen und vergibt damit die Chance, dass uns – wie es einmal Goethe eingefordert hat – „die große und riesenhafte Gesinnung unserer Vorfahren zur Anschauung gelange und wir uns einen Begriff machen können von dem, was sie wollen durften“.

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