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Seit 1994 plant die Stiftung Preußischer Kulturbesitz auf der Museumsinsel moderne Neu- und Umbauten, die die vorhandenen, denkmalgeschützten Bauten -seit 1999 Welterbestätte- überformen. Da alle Entscheidungsträger seit 1998 jede Kritik der Öffentlichkeit und namhafter Fachleute an ihrer Konzeption kompromisslos abgelehnt haben, hat die GHB im Jahr 2006 dem Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages nachfolgende Petition vorgelegt:
Petition an den Deutschen Bundestag im März 2006
Betrifft: Weltkulturerbe Museumsinsel Berlin
- Wiederaufbau des Neuen Museums von Friedrich August Stüler
- Neubau eines Eingangsgebäudes
zu 1) Unsere Kritik richtet sich vorrangig gegen die nicht originalgetreue Wiederherstellung der Fassaden und der großen Treppenhalle
zu 2) sowie gegen den geplanten gesetzeswidrigen gläsernen Ergänzungsbau.
Die Gesellschaft Historisches Berlin e.V. fordert daher den sofortigen teilweisen Baustop, das Einfrieren der Haushaltsmittel, um ungerechtfertigte Kosten als Folge von Fehlentscheidungen zu prüfen, sie verlangt die Änderung der Bauplanung und einen Kostenplan.
Begründung: Bund, Stiftung Preußischer Kulturbesitz und Landesdenkmalamt planen seit 1998 den Wiederaufbau des Neuen Museums im dogmatischen Befolgen der 100jährigen Doktrin Georg Dehios „konservieren nicht restaurieren", obwohl diese nach den ungeheuren Verlusten an historischen Stätten durch Flächenbombardierungen längst ihren ursprünglichen Sinn verloren hat und korrekturbedürftig ist. Die Bestätigung dieses Konzepts erfolgte durch das BBR und unter anderem die Unesco, trotz sich von Anfang an abzeichnender negativer Folgen für die Identität des Bauwerks durch Verfälschung der historischen Bauidee.
Die repräsentative Westfassade liegt im Blickfeld der Straße Unter den Linden und des Kupfergrabens. Der sparsam geschmückten Fassade ist durch den Mittelrisalit strenge Symmetrie vorgegeben. Es ist beabsichtigt, an dem noch erhaltenen Flügel die Kriegs- und Nachkriegsschäden durch Schlämmputz sichtbar hervorzuheben. Dieses Vorgehen hat in den letzten drei Jahren zu aufwendigen Versuchen geführt und wird in den kommenden Jahrzehnten ständige Reparaturkosten verursachen. Es ist ferner beabsichtigt, den noch fehlenden Flügel als modernen Anbau kenntlich zu machen. Damit ist die gebotene Spiegelbildlichkeit der Baukörper zum Schaden des Gesamteindrucks aufgehoben.
Die Gesellschaft Historisches Berlin e.V. fordert, dass der noch fehlende Flügel der Westfassade entsprechend der ursprünglichen strengen Symmetrie wiederaufgebaut wird.
Die ausgebrannte Treppenhalle mit ihren 22 m hohen Rohziegelwänden soll als Ruine konserviert und nach Beseitigung der bereits vor 1989 erfolgten Ergänzungen jetzt mit kostspieligen an der Stülerzeit orientierten Ziegeln ausgebessert werden. Von leitenden Mitarbeitern des Landesdenkmalamtes Berlin wurde sogar die ungeheure Äußerung getan: „Es muss doch gezeigt werden, von wo der Krieg ausgegangen ist!"
Das bedeutet: - Keine Wiederherstellung der berühmten Innenausstattung der Treppenhalle, die vorrangig der klassisch-griechischen Antike verpflichtet war. - Kein eleganter Treppenaufgang, keine zierlichen Treppengeländer, sondern eine wuchtige Betontreppe mit rampenartiger Wirkung, die verstörend auf den eintretenden Besucher wirkt. - Keine Korenhalle des Erechtheions im östlichen Obergeschoss, sondern ein Balkengestell. Dieses Konzept vernichtet die didaktische Bauidee Stülers und versagt künftigen Generationen das Erleben und Begreifen der Kulturgeschichte des 19. Jhs. an zentralem Ort. Ein hier beigefügter Film der GHB zeigt in eindrucksvoller Weise die einstige Schönheit dieses Baus.
Der geplante gläserne Ergänzungsbau des Architekten David Chipperfield würde ca. zwei Drittel der Westfassade des Neuen Museums verdecken. Er verstößt gegen § 10 des Gesetzes zum Schutz von Denkmalen in Berlin*, gegen Art. 13 der Charta von Venedig** und Absatz 56 der Unesco - Richtlinien***. Wir haben die berechtigte Befürchtung, dass der Verlust des Status „Weltkulturerbe" droht, da bereits Anträge auf Aufnahme in die „Rote Liste" der Unesco vorliegen.
Die Gesellschaft Historisches Berlin e.V. fordert ein Ändern des Planungskonzeptes und den Verzicht des geplanten Neubaus an dieser Stelle. Sie zeigt in einem Gegenentwurf, wie dieser zu umgehen ist.
Alle Entscheidungsträger haben seit 1998 jedwede Kritik der Öffentlichkeit und auch namhafter Fachleute an ihrer Konzeption kompromisslos abgelehnt. Das entspricht nicht unserem Demokratieverständnis. Daher bitten wir den Petitionsausschuss, die zuständigen Bundesbehörden und Institutionen zu Gesprächsbereitschaft und zur Annahme von Kritik aufzufordern.
Die GHB fügt zur Bekräftigung ihrer Petition 14145 Unterschriften sowie 84 Aufrufe von u.a. auch prominenten Bürgern bei.
gez.: Birgit Lucas, Vorsitzende und Dr. Bernd Wendland, stellv. Vorsitzender
Anlagen:
- Unterschriftenliste
- Aufruf
Rettet das Neue Museum (nachrichtlich)
- zwei Broschüren
Kritische Stellungnahme der GHB zum geplanten Wiederaufbau, 2003 Konzeption der GHB zum Wiederaufbau der Treppenhalle, 2005
- Flyer
So oder so
- Infoblatt
Standpunkt der GHB
- DVD
Film Das Neue Museum
* Denkmalschutzgesetz Berlin (DSchG Bln) vom 24. April 1995 § 10: Schutz der unmittelbaren Umgebung: „Die unmittelbare Umgebung eines Denkmals, soweit sie für dessen Erscheinungsbild von prägender Bedeutung ist, darf durch Errichtung oder Änderung baulicher Anlagen ... nicht so verändert werden, dass die Eigenart und das Erscheinungsbild des Denkmals wesentlich beeinträchtigt werden."
** CHARTA von Venedig 1964 Art. 13: „Hinzufügungen können nur geduldet werden, soweit sie alle interessanten Bauteile des Denkmals, seinen traditionellen Rahmen, die Harmonie seiner Komposition und seine Beziehungen zur Umgebung respektieren."
*** UNESCO - Richtlinien zum Weltkulturerbe Abs. 56: „Das Komitee für das Erbe der Welt fordert die Vertragsstaaten des Übereinkommens zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt auf, das Komitee über das Sekretariat der UNESCO zu benachrichtigen, wenn sie die Absicht haben, in einem aufgrund des Übereinkommens geschützten Gebiet erhebliche Wiederherstellungs- oder Neubaumaßnahmen durchzuführen oder zu genehmigen, die Auswirkungen auf den Wert des Gutes als Teil des Erbes der Welt haben können."
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