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Stellungnahme der Gesellschaft Historisches Berlin zur Wiedereröffnung des Neuen Museums auf der Museumsinsel zu Berlin am 16. und 17. Oktober 2009

Berlin, den 14.10.2009

Mit großer Freude begrüßt die Gesellschaft Historisches Berlin die Wiedereröffnung des Neuen Museums, 66 Jahre nach Kriegszerstörung und Verfall. Den letzten Bundesregierungen ist zu danken, dass sie die Museumsinsel als gesamtstaatliche Aufgabe erkannt und großzügig finanziert haben. Die Museen nehmen zurecht die wiedererstandenen Räume begeistert für ihre Kunstschätze in Besitz. Doch was bekommen wir Bürger für unsere immensen Steuergelder? Ein ruiniertes Museum!

Mit Entsetzen sehen wir das Ergebnis der Baumaßnahmen: ein gedemütigtes Gebäude, Reste-Verwertung als Bauprogramm. Dieses Haus war ein epochales Gesamtkunstwerk des preußisch-romantischen Klassizismus und der technischen Revolutionen dieser Zeit. Ikone der modernsten Mu-seums-Konzeption war es zugleich das Gründungs-Museum der Museumsinsel selbst, „eine Freistätte für Kunst und Wissenschaft" plante König Friedrich Wilhelm IV als Bauherr, nun ein Grabmal für die vertriebenen Geister, Musen und Ideale.

Der schwer kriegsverletzte Patient wurde absichtlich nicht geheilt: Rekonvaleszenz, Rekonstruktion war verboten - von der Denkmalpflege Berlins und den verbündeten Institutionen und Fachleuten. Tatsächlich hat sich die Archäologie, die Altertumswissenschaft, die Gegenwart als Abenteuerspiel-platz ausgesucht. Sie hat sich eine wohldemolierte Ersatz-Antike als edle Trümmerkulisse für die wirklich musealen antiken Bruchstücke eingerichtet. Was uns heute als „authentisch", echt, angeprie-sen wird, ist in Wahrheit entworfene „Echtheit", also inszeniert, unecht. So wurden die Wunden des Patienten groß herausgestellt und aufwendig konserviert. Fehlende Körperteile wurden durch falsche Prothesen „modern" ersetzt. So steht er nun da in Sack und Asche, ein ausgemergelter chronisch Kranker, jetzt ein „klassischer" Dauer-Pflegefall! Vermutlich wegen vieler Proteste der GHB wurde in letzter Minute dieser Gebäude-Leichnam außen farblich noch etwas aufgehübscht, so dass wir eine dezent geschminkte Mumie eines Museumsgebäudes bewundern dürfen.

Warum das alles? Man hat an der Öffentlichkeit vorbei sofort mit der „Wende" - für dieses Museum ein Salto ins Verderben - mit der Abwicklung der gesamten Wiederaufbauplanung, die zu 90% fertig war, und der schon angefangenen Arbeiten der DDR begonnen. 1986 hatte der Ministerrat der DDR die Rekonstruktion des Neuen Museums, also einen am Original orientierten Wiederaufbau, beschlossen und begonnen. Mit der sofortigen Annullierung dieses Konzeptes nach der Wiedervereini-gung wurde durch die neuen Zuständigen großes Unrecht begangen. Denn durch den Einigungsvertrag vom 31.08.1990 zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Re-publik (Art. 3, 9, 19, 35) war festgelegt worden, dass Verwaltungsakte der DDR-Behörden weiterhin gelten, wenn sie nicht gegen das Grundgesetz oder diesen Vertrag verstoßen. Das tut dieser Beschluss natürlich nicht und so wird dieser Vertrag, immerhin ein Staatsvertrag, bereits gebrochen, als die Un-terschriften unter ihm noch kaum trocken waren.

Dies war der Beginn eines nun bald 20 Jahre währenden Kulturskandals auf höchster Ebene. Mit dem Bruch des innerdeutschen Staatsvertrages wird zugleich gegen das Grundgesetz Art. 5 (Meinungsfrei-heit) verstoßen, da hier Kunst verboten wurde, die frei ist (Abs. 3), d.h. sein soll. Auch das Berliner Denkmalschutz-Gesetz wird verletzt, da sein Ensemble-Schutz missachtet wird, insbesondere durch Abriss der Grünen Brücke zum Pergamon-Museum (2004) und die derzeit geplanten Neubauten für das sogenannte Eingangsgebäude am Kupfergraben vor dem Neuen Museum sowie den Verbindungsbau der beiden Seitenflügel des Pergamon-Museums ebenfalls am Kupfergraben.

Damit nicht genug, wird seit 1999 gegen den damals zuerkannten Weltkulturerbe-Status für die Mu-seumsinsel massiv verstoßen, da einige hierfür geltende Regeln bis heute nicht beachtet werden. Da-mit bricht die Bundesrepublik als Vertragspartner erneut einen Staatsvertrag, diesmal einen interna-tionalen, den sie mit der UNESCO 1972 geschlossen hat.

So ist es kein Wunder, dass die GHB einen Antrag an das Welterbe-Zentrum der UNESCO in Paris ge-richtet hat, das Objekt Nr. 896, Welterbe Museumsinsel Berlin, auf die Rote Liste der bedrohten Welterbestätten zu setzen. Deutschland hat sich ja schon mit der Aberkennung des Welterbes in Dres-den besonderen Ruhm erworben, der sich nun in Berlin fortsetzen könnte (videant consules ne quid detrimenti capiat respublica).

Mit all den rechtswidrigen Maßnahmen haben ihre Träger - allen voran die treuhänderisch verpflichte-te und verantwortliche Stiftung Preußischer Kulturbesitz als Bauherr - den Bürgern gegenüber, die als Steuerzahler auch ihre Geldgeber sind, völlig versagt und sie betrogen. Sie hat eines der wertvollsten preußischen Erbstücke mitten im Zentrum dessen, was sie zu hüten hat, gröblich veruntreut. Die beteiligten Institutionen haben sich hier in einem erschlichenen gleichsam rechtsfreien Raum nach Belieben bewegt und sogar die UNESCO getäuscht. Selbst der Petitionsausschuss des Bundestages hat versagt, obwohl von der GHB mit einer Petition mit über 14 000 Unterschriften von Bürgern aus ganz Deutschland und aller Welt für eine denkmalgerechte Wiederherstellung des Neuen Museums zu Hilfe gerufen. Eigentlich für viele Fragen letzte Rettungsstation, brauchte er 3 Jahre Zeit(!), um sich zu äußern - trotz zahlreicher Erinnerungen und Ergänzungen - da war das Kind längst in den Brunnen geworfen.

So stehen wir nun vor einem kulturellen Scherbenhaufen grotesken Ausmaßes:

In all dieser falschen Außen- und Innenwelt des Hauses stehen seine unterschiedlichen Zerstörungen von nun an im Wettstreit mit den ausgestellten Kunstwerken, von denen ebenfalls viele mancherlei Verletzungen aufweisen. Der Schönen, die da kommt, Nofretete, dem Paradestück des Hauses, fehlt seit sie gefunden wurde, ein Auge, beide Ohren sind sehr beschädigt. Nun steht sie in einem herrlich zermürbten Kuppelraum - na dann: schöne Bescherung in diesem hinreißenden Ambiente! - die Dekadenz feiert sich selbst.

Der Vorstand der Gesellschaft Historisches Berlin e.V.
Bernd Wendland, Vorsitzender

Fassadenausschnitt

An der Westfassade des Neuen Museums: der morbide historische Putz als Krakelee ruinös geschönt, linkes Fenster neu, originalgetreu rekonstruiert (!); das rechte Fenster original, restauriert.

Westfassade

Das Original der Westfassade Stülers, heute bewußt verspielt, - warum?