Teil 1: In Berlin-Mitte befand sich einst ein Café-Dreiklang. Dort kehrte man ein, um den Kaiser zu sehen, um anzubandeln oder zu essen.
Morgenpost vom 16.06.2025 von Iris May

Im „Führer durch das lasterhafte Berlin“ aus dem Jahr 1931 sind nicht nur Berliner Tanzpaläste und Vergnügungsparks gelistet, sondern auch Kaffeehäuser . Das Werk des Kulturwissenschaftlers Curt Moreck war bei Erscheinen ein Beststeller, wenn auch nur kurz, schon 1933 wurde es von den Nationalsozialisten verboten.

Friedrichstraße und Kurfürstendamm galten vor rund 100 Jahren als „Zentren des Amüsierbetriebs“, die dortigen Kaffeehäuser als Treffpunkt von Literaten, Künstlern, Schauspielerinnen, Filmemachern, Verlegern und Schaulustigen.

Hier wurden Buch- und Filmprojekte angebahnt, hier konnte man entdeckt werden, holte sich Inspiration und knüpfte neue Kontakte, außerdem wurde heftig geschnorrt und geflirtet. Im ersten Teil geht es um die Cafés Kranzler, Bauer und König , das ehemalige Kaffehaus-Dreigestirn Unter den Linden.

Serie über 10 Kaffeehaus-Legenden – Überblick

Unter den Linden (Teil 1)

Rund um die Gedächtniskirche (Teil 2)

Weitere bekannte Kaffehäuser von anno dazumal (Teil 3)

Kaffehaus Kranzler: Pionier für die Rampe zum Draußensitzen

Der österreichische Zuckerbäcker Johann Georg Kranzler eröffnete 1825 in der Friedrichstraße Ecke Unter den Linden eine kleine Konditorei. Dass er ab 1833 Tische auf die Straße stellte und dort Gäste bewirtete, war ein absolutes Novum. Die Baupolizei war irritiert, doch der Konditor hatte für seine Rampe zum Draußensitzen den Segen von Kaiser Wilhelm II.

Eitelkeit könnte dabei eine Rolle gespielt haben. Denn viele Besucher gingen ins Kranzler, in der Hoffnung einen Blick auf den Kaiser oder Bismarck zu werfen, die dort regelmäßig in der Kutsche vorüberfuhren und dann untertänigsten Applaus erhielten. An der Stelle des ehemaligen Kranzlers befindet sich heute ein Gebäudekomplex aus dem Jahr 1997, in dem sich nicht nur das Westin Grand Hotel , sondern auch ein Ampelmann-Shop und das Restaurant „Crackers“ befinden.

Cafe Bauer: Opulenz mit „Damenzimmer“

Mathias Bauer eröffnete das luxuriös ausgestattete Café Bauer Unter den Linden 1877. Es war Berlins erstes Café im Wiener Kaffeehaus-Stil, es war auch das erste, das 1884 mit elektrischem Licht ausgestattet war. Die üppige Ausstattung verdankte der Betreiber einer Versicherungssumme für sein vorangegangenes Café, das abgebrannt war. Drei so genannte Zeitungskellner sollen allein damit beschäftigt gewesen sein, die 600-800 internationalen Zeitungen (Angaben variieren) zu ordnen, die den Gästen dort angeboten wurden.

Zur Ausstattung gehörten neben opulenten Gemälden mit römischen Gelagen auch ein Billard-, ein Lese- und ein Damenzimmer. Es schickte sich nämlich nicht für feine Damen, vor den Augen fremder Menschen zu essen. Trotzdem bürgerte es sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts ein, dass beide Geschlechter zusammen saßen. Dies wird durch Ölgemälde belegt, u.a. von Lesser Ury. 1910 gab die Familie das Café auf. Heute befindet sich an der Stelle, wo das Café Bauer war, das Lindencorso , ein 1994 bis 1997 errichteter Bau, in dem sich exklusive Privatresidenzen und Büros befinden.

Café König - Pulsierendes Zentrum für Schach-Turniere

Das Café König mit seiner „Fein-Conditorei“ wurde 1925 Unter den Linden gegenüber vom Café Bauer, ebenfalls Unter den Linden, von Josef König eröffnet. Er war um 1910 nach Berlin gekommen, wo er ein Imperium von Kaffeehäusern und Unterhaltungslokalen errichtete.

Ab 1928 wurde ein beliebter Treffpunkt für Schachspiele draus. Denn der Inhaber organisierte Schachturniere und zog berühmte Schachweltmeister an. Schlagzeilen machten die Simultanturniere und die „Blitzturniere“, bei denen man große Geldsummen gewinnen konnte. Die Teilnehmer hatten dabei nur zehn Sekunden Zeit für einen Zug.

1933 wurde Josef König, der Jude war, enteignet. All die Arbeit und Unterstützung, die Josef König dem Berliner Schachleben gegeben hatte — praktisch und finanziell — zählte plötzlich nichts mehr. König floh am 8. März 1933, weil er bedroht worden war, und überließ Rudolf Gutmann, der ebenfalls Jude war, vorübergehend die Leitung seiner Lokale. Sein Café wurde wieder Café Victoria genannt, wie vor 1925. Die Nationalsozialisten bestimmten, dass nur noch „arisches Schach“ ausgetragen werden durfte, und zwar im „Moka Efti“. Das „Café König“ fiel wenige Jahre später dem Bombenhagel der Alliierten zum Opfer.

  • Café Kranzler, Friedrichstraße/Ecke Unter den Linden 25, Mitte
  • Café Bauer, Unter den Linden 26, Mitte
  • Café König, Unter den Linden 35, Mitte
  • Romanisches Café, Auguste-Viktoriaplatz (heute Breitscheidplatz), Charlottenburg
  • Café des Westens (Café Größenwahn), Kudamm 18/19/Ecke Joachimstalerstr., Charlottenburg
  • Schwannecke, Rankestr. 4, Charlottenburg
  • Mutter Maenz - lesbische Subkultur, Augsburger Str, Charlottenburg
  • Kaffeehaus Dobrin, Friedrichstr. 114 und am Spittelmarkt, Mitte
  • Café Monopol, Friedrichstr. 100, Mitte
  • Café Josty, Bellevuestr. 21/22 (Potsdamer Platz) Tiergarten, Mitte

Die Berliner Morgenpost im Internet: www.morgenpost.de