Die designierte Spitzenkandidatin der Linken strebt im nächsten Jahr ins Rote Rathaus. Ihr Hauptthema: die Mietenkrise
Morgenpost vom 11.10.2025 von Joachim Fahrun
Berlin „Elif aus Kreuzberg gegen Kai aus Spandau“: Ganz so schlicht möchte Elif Eralp die Ausgangslage für den Wahlkampf nicht beschreiben. Es gehe ihr auch um Teamplay. Aber die am Donnerstagabend einstimmig vom Landesvorstand der Linken benannte Spitzenkandidatin lässt keinen Zweifel: „Wir wollen diesen Senat und Kai Wegner ablösen.“ Wie bei der Bundestagswahl im Februar strebt die Linke danach, im September 2026 in Berlin stärkste Kraft zu werden. Eralp soll das Amt der Regierenden Bürgermeisterin übernehmen. „Ich traue mir das zu“, sagte sie am Tag nach ihrer Kür vor der Presse.
Sie sei immer an ihren Aufgaben gewachsen, so die Tochter türkischer Eltern, die 1980 nach dem Militärputsch die Türkei verlassen hatten. Das hält sie jenen entgegen, die der 44-Jährigen, die seit 2021 im Abgeordnetenhaus sitzt, politische Erfahrung und Verwaltungskompetenz absprechen. Ihre Ziele habe sie immer „durch harte Arbeit und Fleiß“ erreicht, sagte die Mutter zweier Schulkinder. Dass sie „Volljuristin“ ist, erwähnt sie gern wie nebenbei. Als solche kenne sie natürlich auch die Verwaltung.
Dass die Linke sich für Elif Eralp als Konkurrentin von Wegner, dem SPD-Mann Steffen Krach und dem Grünen Werner Graf im Rennen ums Rote Rathaus entschieden hat, belegt eine klare politische Festlegung: Die Partei setzt auf linke Themen und eher weniger darauf, Stimmen aus der Mitte zu gewinnen.
Die 44-Jährige fiel im Parlament durch streitbare Reden auf
Als Sprecherin der Fraktion für Migration und Antidiskriminierung fiel Eralp im Parlament durch streitbare Reden auf. Antisemitismus-Vorwürfe gegen ihre Partei wehrt sie ab. Sie habe sich auch als Anwältin immer für Menschenrechte eingesetzt. Schutz und Sichtbarkeit jüdischen Lebens sei ihr wichtig. Aber man müsse auch die Anliegen der Palästinenser berücksichtigen.
In den vergangenen Monaten, als die Kandidatinnen-Kür sich abzeichnete, setzte Eralp ihre Schwerpunkte in der Mieten- und Stadtentwicklungspolitik, gab sich seriöser. Denn die Partei hegt die Hoffnung, mit der Fokussierung auf die Berliner Mietenkrise auch andere Wählerschichten zu erreichen. 85 Prozent der Berliner wohnen zur Miete, 60 Prozent verdienen so wenig, dass sie Anspruch auf einen Wohnberechtigungsschein haben.
Mein Team sind die 16.700 Mitglieder unserer Partei.
Elif Eralp, designierte Spitzenkandidatin der Berliner Linken
„Kai Wegner lässt die Mieter im Stich, er hat keine Lösung“, warf die Herausforderin dem Amtsinhaber vor: „Die Stadt funktioniert nur noch für Menschen, die sich überhöhte Mieten, teure Eigentumswohnungen und Privatschulen leisten können.“ Sie werde den Mut haben, sich mit den Immobilienkonzernen anzulegen, versprach Eralp: „Wir werden der Mietenexplosion nicht weiter zuschauen.“ Berlin werde immer mehr zum Tummelplatz für dreiste Vermieter, setzte sie einen scharfen Ton. „Für Vonovia und andere Konzerne ist Berlin ein Geschäftsmodell“, sagte die Kandidatin: „Für uns ist Berlin unser Zuhause.“
Die Landesvorsitzenden Kerstin Wolter und Maximilian Schirmer, die beide für das Abgeordnetenhaus kandidieren, waren stolz darauf, dass die seit Wochen feststehende Personalie nicht vorzeitig nach draußen gedrungen war, obwohl sie auch mit der zweiten Ebene in der Partei abgeklärt worden war. Das zeige die Geschlossenheit der Partei. Die Flügelkämpfe der Vergangenheit seien auch angesichts der Eintrittswelle überwunden. „Mein Team sind die 16.700 Mitglieder unserer Partei“, sagte die neue Führungsfrau. Hinter ihr können sich die oft jungen Aktiven wohl leichter versammeln als hinter einem Import wie der Ex-Senatorin Katja Kipping, über die ebenfalls spekuliert worden war.
Die Zuspitzung gefällt gerade dem aktivistischen Flügel. Berlin werde in einem Jahr eine echte Wahl haben zwischen einem konservativen und einem linken Politikangebot, so ein Kreisvorsitzender. Eralp selbst würde natürlich am liebsten mit SPD und Grünen regieren. Zu beiden gebe es auch in der Mietenpolitik große Schnittmengen.
Wenn sie könnte, würde die Linke große Wohnungskonzerne enteignen und so 220.000 Wohnungen vergesellschaften. Für die landeseigenen Wohnungen möchte sie die Mieten deckeln, private Eigentümer möchte sie zwingen, jede dritte Wohnung zu sozialen Konditionen zu vergeben. Ein Landesamt für Wohnungswesen soll Mietwucher, Ferienwohnungen und möbliertes Vermieten konsequent verfolgen. Die landeseigenen Unternehmen sollen jährlich 7500 Sozialwohnungen bauen. Sie wolle nicht, dass Immobilienkonzerne entscheiden, wie viel die Menschen noch zum Leben haben.
Sozialkürzungen möchte Eralp zurücknehmen. Das Tempelhofer Feld solle frei bleiben, eine Olympiabewerbung werde es mit der Linken nicht geben. Die Schulen wolle sie zu Orten machen, wo Kinder gern lernen. Das sei ihr ein „Herzensanliegen“, sagte Eralp und beklagte, dass jedes vierte Berliner Kind in Armut aufwachse. Das Geld dafür will sie aus höheren Grund- und Grunderwerbssteuern holen, man plane eine Sondersteuer auf Luxusvillen über vier Millionen Euro, arbeite auch an einer Vermögenssteuer nur für Berlin.
Der CDU warf sie „Kaltherzigkeit“ gegenüber jenen vor, die wie sie nicht „mit dem goldenen Löffel im Mund geboren“ worden seien. „Berlin wird ohne Blick für soziale Realitäten regiert“, so Eralp. Sie kenne die Nöte der Menschen, wohne zur Miete, ihre Kinder besuchten normale Schulen. „So eine wie sie“ könne eigentlich nicht Bürgermeisterin werden. Insofern inszeniert sich Elif aus Kreuzberg eben doch als Gegenbild zu Kai aus Spandau.
