Welse sollen in Zukunft ungehindert über die Mühlendammschleuse wandern können. Insgesamt soll das neue Wehr 45,4 Millionen kosten
Morgenpost vom 04.12.2025 von Iris May

Berlin Die Mühlendammbrücke wird ab Mai 2026 abgerissen und erneuert, wie aus Ausschreibungs-Unterlagen des Senats hervorgeht. Wie jetzt bekannt wurde, soll an der Mühlendammschleuse im Zuge der geplanten Arbeiten auch ein neues Wehr und eine Fischtreppe gebaut werden, was voraussichtlich mit 45,4 Millionen Euro zu Buche schlagen wird. 5,6 Millionen davon sind für die Fischtreppe veranschlagt, deren Bau bereits im August begonnen hat. Gerade werden die Wände mit Stahlspundbohlen befestigt.

Der Bau der Fischtreppe basiert auf den Europäischen Wasserrahmenrichtlinie (WRRL), die seit dem Jahr 2000 gelten. Zu den Gewässerschutzgesetzen gehört auch die ökologische Durchgängigkeit in Flüssen für Fische, aber auch Biber und Fischotter. Diesen soll die ungehinderte Wanderung stromauf und stromab zwischen ihren typischen Nahrungs-, Laich- und Rückzugslebensräumen wieder ermöglicht werden.

Im August 2026 sollen die Bauarbeiten dafür losgehen. Manfred Krauß, Gewässerexperte beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), kennt die Pläne gut und findet sie sinnvoll und notwendig. „Fast alle unsere Flüsse wurden zum Zwecke der Schifffahrt oder der Energiegewinnung aufgestaut. An die vielen wandernden Fischarten hat man dabei nicht gedacht. Fische sind genetisch so ausgestattet, dass sie wandern, um sich zu vermehren und Nahrung zu suchen.“

Berlin sei ein Knotenpunkt, an dem Spree, Havel und Unterhavel und Fischpopulationen aus Richtung Elbe, Oder und Müritz zusammentreffen. Durch Staustufen sei der Fischwanderweg aber massiv behindert. „Lachse sind das beste Beispiel, 1786 ist der letzte Lachs in Berlin gesichtet worden.“ Durch die Perfektionierung der Stauwehre sei die Fischwanderung zum Erliegen gekommen. Der Bestand des Aals müsse deshalb mühsam durch künstlichen Besatz erhalten werden.

Krauß kann auch minutiös erklären, warum die Millionen für die Fischtreppe gut angelegt sind: Erstens müsse das Wehr sowieso erneuert werden. „Insofern macht es Sinn, gleich eine Fischtreppe anzulegen.“ Das bisherige Wehr staue die Spree rund „1,50 Meter auf und riegelt den Fluss auf ganzer Breite ab“. An anderen Staustufen gibt es manchmal „kleine Bypässe, wo die Fische hochwandern können. Diese funktionieren aber meist nicht gut und werden von den Fischen kaum angenommen. Am Mühlendamm gab es bisher gar nichts“, so Krauß. Für die Konstruktion der Mühlendammfischtreppe wurde der heimische Wels als Bemessungsgrundlage gewählt. So ist sichergestellt, dass auf jeden Fall auch kleinere Fischarten gut durchkommen.

Fischtreppen bündeln zu bestimmten Zeiten eine große Anzahl von Fischen auf ihren Wanderungen. Dies könnte theoretisch auch „Beutegreifern“, wie dem Otter, zugutekommen, sagt Krauß. Werden die Otter den Fischen durch die Treppe zum Verhängnis? Experte Manfred Krauß hält dies für unwahrscheinlich. „Es gibt geschätzt nur zwischen 10 und 20 Otter in ganz Berlin. Und bei 800.000 Kilometer Berliner Gewässeruferlänge wäre es schon großer Zufall, wenn da ein Otter immer genau an der Fischtreppe steht, wenn ein Fisch nach oben springt.“

Biber aus Treptow treffen sich gerne mit Bibern aus Spandau

Das umfangreiche Bauvorhaben wird in den Unterlagen des Wasserstraßen-Neubauamts genau beschrieben: Am linken Ufer soll eine Fischabstiegsanlage von 18,20 Meter Länge und einer Breite von 70 Zentimetern entstehen. Außerdem eine Fischaufstiegsanlage von knapp 85 Meter Länge mit zwölf Becken. Die Größe sei ausgelegt auf die größte in der Spree vorkommende Fischart. Daher ist die Fischtreppe auf ausgewachsene Welse ausgelegt, die eine Länge von 1,60 Metern haben können.

Während es in Berlin nur wenige Otter gibt, schätzen Experten den Biberbestand auf etwa 100 Tiere. Zwischen Oberbaumbrücke und Unterbaumstraße gibt es einen sogenannten Biberausstieg . Dieser wird laut Manfred Krauß an Bedeutung gewinnen, wenn die Fischtreppe an der Mühlendammschleuse fertig ist. Warum so ein Ausstieg wichtig ist? Biber aus Treptow treffen sich laut Experten gerne mit anderen Bibern aus Spandau, die Strecke ist aber zum Nonstop-Schwimmen zu lang und durchgehend mit Spundwänden verbaut, die keinen Landgang für den Biber zulassen. Am betonierten Ufer wurde 2009 daher ein treppenartiger Ausstieg an der Spree gebaut.

Fazit: In der Natur hängt alles zusammen. Die Investition in die aufwändige Fischtreppe am Mühlendamm ist gut angelegtes Geld für ein funktionierendes Spree-Ökosystem. Die EU-Vorgaben müssen ohnehin erfüllt werden. „Eine Diskussion darüber ist also auch angesichts des sich immer weiter verschlechternden Zustands unserer Umwelt vergeblich“, so Manfred Krauß

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