Fragen an: Tobias Nöfer - Tobias Nöfer ist Architekt und Geschäftsführer eines Büros für Architektur und Städtebau in Berlin. Marzena Skubatz
FAZ vom 01.09.2026 - Von Jan Hauser
Als Architekt in Berlin haben Sie eine klare Sicht auf die Stadtentwicklung und die Baukosten. Wie kann es mehr Wohnraum in den Städten geben?
Die Städte müssen wachsen, vor allem nach innen. Denn die Landschaft muss vor weiterer Besiedlung geschützt werden. Dafür sollten erschlossene Brachen oder größere Verkehrsschneisen bebaut, Häuser aufgestockt und Bestand ergänzt werden. Das geht aber nur, wenn Stadtgesellschaft, Behörden und Gesetzgeber mitziehen. Das ist leider selten der Fall. Die notwendigen Projekte scheitern im Klein-Klein der Regelungen und an ungelösten Zielkonflikten. Noch vor Kurzem hatten wir ganz andere Schwierigkeiten: Zehn Jahre nach der Wende hatte der Berliner Senat gemeint, die Wohnungsfrage sei gelöst – und angefangen, Plattenbauten abzureißen. Das ist aus heutiger Sicht ein Irrtum.
Aber Sie trauern jetzt nicht um die Plattenbauten?
Nein, die Plattenbauviertel in Ost und West waren und sind städtebaulich ein Fehler und architektonisch eine Gemeinheit – industrielle Quantität vor lebenswerter Qualität. Die utopische Moderne im 20. Jahrhundert wollte neue Städte für neue Menschen erfinden. Diese Utopien sind – wie die Idee vom neuen Menschen – gescheitert und haben städtebaulich schlimme Zustände hinterlassen.
Was bedeutet das für die Architektur?
Gute urbane Architektur arbeitet mit der menschlichen Wahrnehmung aus der Perspektive der Fußgänger und ihrer Geschwindigkeit. Gesimse, Lisenen und Ornamente sind keine geschmäcklerischen Dekorationen, sondern sorgen bei Fassaden für Maßstab und Lesbarkeit. Wichtig ist auch, mit dem Phänomen des Anthropomorphen in der Architektur zu arbeiten: Schon als Kleinkind erkennen wir Gesichter in allen möglichen Dingen. Gute Architektur arbeitet mit dieser menschlichen Eigenschaft: Eine gute urbane Fassade hat eine Physiognomie wie ein Gesicht und ermöglicht dadurch Identifizierbarkeit und Aneignung.
Sie erschaffen dann keine Gebäude, sondern Mitmenschen?
Gebäude statt Gebilde, wie der Kollege Andreas Hild sagt. Und die Architektursprache, die für unverwechselbare Hauspersönlichkeiten sorgt, darf charakter- und ausdrucksvoll sein. Wenn ich Politiker und Entwickler von serieller Bauweise reden höre, werde ich nervös. Wenn wir wieder kalte Gebilde auf der grünen Wiese bauen wie in den 1960er- und 1970er-Jahren, ist das kurzsichtig und verantwortungslos.
Aber das serielle Bauen sieht heute anders aus als Plattenbauten damals.
Meist nicht wesentlich. Wenn ich sehe, was einige öffentliche Wohnungsbaugesellschaften in Deutschland bauen, ist das von den Fehlern der Vergangenheit meist nicht zu unterscheiden. Nachhaltigkeit wird gepredigt, am Ende zählen jedoch nur der Preis und die Masse an Wohnungen. Das sind menschenverachtende monotone Kisten. Wir bauen damit die Problemviertel der Zukunft.
Die Baukosten sind doch wichtig für günstigen Wohnraum?
Baukosten sind ein wesentlicher Faktor, aber wir sollten nicht zu billig bauen und das Geld auch nicht falsch ausgeben. Bei einem unserer aktuellen Projekte sind wir durch Vorschriften gezwungen, mit einer Außendämmung von 28 Zentimetern zu bauen, um staatliche Förderung zu erhalten. Aber mindestens die Hälfte davon ist bauphysikalisch nicht sinnvoll, sondern ein ökologisch unverantwortbares Geschenk an die Baustoffindustrie. In Deutschland scheinen deren Lobbyisten die Regeln zu schreiben. Vor wenigen Jahren haben wir neue Wohnungen für 2400 Euro je Quadratmeter gebaut, heute sind es doppelt so viel – ohne dass das Ergebnis architektonisch oder technisch besser wäre.
Neubauviertel gleichen sich oft aneinander an. Wie geht das besser?
Der Abschied vom utopischen 20. Jahrhundert fällt den Planern unfassbar schwer. Sie schauen nicht auf die beliebtesten Viertel der Städte, um davon zu lernen. Die meisten Neubauquartiere in Deutschland kann man nur als Würfelhusten bezeichnen, sie bilden keine schönen Straßen und Plätze: Siedlungsbau statt Städtebau. Die Wettbewerbe und Jurys sind oft Resonanzblasen mit den immer gleichen Teilnehmern, die sich bloß gegenseitig bestätigen. Das muss dringend reformiert werden. Bauherren und Behörden sollten nachhaltiger handeln und sich ernsthaft fragen, was Menschen brauchen: schöne, sichere, vielfältige und sozial durchmischte Lebensräume.
Ist es richtig, dass Architekten das Gebäude in der Theorie entwerfen, aber in der Praxis darin nicht leben müssen?
Das ist ein alter und oft berechtigter Vorwurf an die moderne Architektenschaft, dass sie oft selbstverständlich im Altbau wohnt mit mondänen 3,40 Meter hohen Stuckdecken – aber für das Volk entwirft sie komische Kisten. Eines der beliebtesten Viertel in Berlin ist die Gegend um den Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg, den der Ingenieur James Hobrecht vor 150 Jahren entworfen hat – mit prächtigen Stadthäusern auf eigenen Parzellen. Dieses Stadtmodell funktioniert bis heute. Nachhaltiger geht es nicht, dichter auch nicht – und alle wollen dort hin. Warum bauen wir das nicht mehr?
Hat sich die Architektur gewandelt?
Ich hoffe auf einen Wandel und arbeite daran. Wir versuchen unsere Städtebauprojekte in diese Richtung zu entwickeln: Wir bilden, wie einst, Blöcke und teilen diese in Parzellen mit individuellen Häusern auf. Aber unsere Produktionsmethoden und Finanzierungsgewohnheiten sind heute noch andere: Eine GmbH kauft einen ganzen Block, nimmt einen Architekten und baut ein riesiges Haus darauf – damit fehlt aber die wichtige Vielfalt der Eigentümerschaft. Wir müssen die Teile des Blocks wieder parzellieren und stärker individualisieren, damit Vielfalt und Schönheit entstehen. „Erst formen wir die Häuser, dann formen sie uns“, soll der britische Politiker Winston Churchill gesagt haben. Wenn wir lieblos bauen, werden Menschen entwürdigt, deshalb gilt: Schönheit ist Pflicht!
