Berlin-Mitte. Seit Jahren kämpfen Hunderte für ein Flussbad in der Spree. Doch diese ist nach Meinung des Lageso kein Badegewässer. Wie es nun weitergeht.
Morgenpost vom 13.01.2026 von Iris May, Bezirksreporterin Mitte
Flussbad am Humboldt Forum - Berliner im Neoprenanzug
Am Humboldt Forum in die Spree springen und schwimmen, davon träumen viele Berliner – notfalls im Neoprenanzug. Im Oktober 2025 fand die letzte Schwimm-Demo statt. © BM | Eichhöfer / Ostkreuz
Die Initiative Fluss Bad Berlin kämpft seit nunmehr fast 30 Jahren dafür, dass Berliner, die nicht genug Bäder besitzen, in der Spree schwimmen können. In Basel und an der Ruhr baden Stadtbewohner schon seit Jahren ebenfalls in ihrem Fluss. In das Vorhaben, die Spree als Flussbad flottzumachen, haben Bund und Land Berlin bereits 7,4 Millionen Euro investiert. Auch der Bezirk Mitte unterstützt das Projekt. Der Spatenstich zur lange geplanten Freitreppe vom Schlossplatz zur Spree hinunter fand im Juli 2025 statt.
Baustart Freitreppe - Initiative Flussbad berlin
Drei Monate später fand dann die dritte und bislang letzte Schwimmdemo des Fluss-Bad-Vereins am Schinkelplatz statt. 120 Berlinerinnen und Berliner zeigten erneut bei Temperaturen von 13 Grad, dass sie sich die Spree als Flussbad wünschen. Weitere 500 Teilnehmer feuerten die Demonstranten vom Ufer aus an. Doch ist die Zukunft des Flussbads Berlin und des Flussbadgartens akut bedroht: Grund ist eine Stellungnahme des Landesamts für Gesundheit und Soziales Berlin (Lageso), zu einer qualitativen Risikobewertung (QMRA) von Januar 2025, die den drei beteiligten Senatsverwaltungen erst Mitte Dezember 2025 zugestellt wurde. Das Lageso hält den Spreekanal hygienisch für ungeeignet als Badegewässer.
Experte: „Spree ist kein Gebirgsbach“
Wolfgang Seis vom gemeinnützigen Kompetenzzentrum Wasser Berlin (KWB) sieht das Lageso-Gutachten sehr differenziert: „In dem Brief des Lageso steht so weit nichts Neues“, findet er. Die vom KWB erhobenen Daten sprächen sehr wohl dafür, dass die Wasserqualität bei Trockenheit deutlich besser als bei Regenwetter sei. Auch werde dort davon geschrieben, dass die E.-Coli- und Enterokokken-Werte dauerhaft über der unteren Nachweisgrenze lägen. „Diese liegt bei 15, ein ‚gut‘ für die Gewässerqualität ist bei 1000 limitiert, also beim 66-Fachen.“
Flussbad Demo Schlange
Flussbad-Demo im Juli 2025: Die riesige Schlange der Demonstranten reichte vom Schinkelplatz bis zum Werderschen Markt. © BM | Iris May
Muss man die Gewässerqualität der Spree verbessern? Stephan Natz, Sprecher der Berliner Wasserbetriebe (BWB), sagt: „Dass die Spree kein Gebirgsbach ist, wissen alle. Die Qualität der Berliner Flussgewässer hat aber durch den Ausbau der Klärwerke in den vergangenen Jahrzehnten sowie durch die immer dezentralere Regenwasserbehandlung beachtliche Verbesserungen erfahren. Mit den laufenden Investitionen von uns und dem Land wird sich diese Entwicklung fortsetzen. Beeinflussungen durch Starkregen wird es immer geben.“ Das Flussbad-Projekt ist ihm „sympathisch“.
Fluss-Bad-Initiative kämpft weiter
Jan Edler, Vorstandsvorsitzender der Fluss-Bad-Initiative, sieht keinen Grund aufzugeben. Die Lageso-Stellungnahme zum QMRA-Bericht des Kompetenzzentrums Wasser habe zwar festgestellt, dass der Spreekanal im gegenwärtigen Zustand nicht als ein EU-Badegewässer eingestuft werden sollte und dass der Spreekanal nicht mit anderen „Badegewässern“ in Berlin vergleichbar sei. „Diese Aussage ist aber keine Überraschung, sondern entspricht allen Annahmen und Einschätzungen, die dazu seit 2015 erhoben wurden“, so Edler.
Eroberung der Berliner Gewässer
Jan Edler, Gründungsmitglied und Vorstandsvorsitzender des gemeinnützigen Vereins Fluss Bad Berlin, gibt nicht auf. © FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini
Die gegenwärtigen Ziele des Vereins, „das Schwimmen im Spreekanal und darüber hinaus in großen Teilen der Spree in gesundheitlich vertretbarer Weise zu ermöglichen und zu legalisieren, werden von den Lageso-Aussagen nicht berührt“, sagt er.
Alle wissen: Die Spree ist kein Gebirgsbach.
Stephan Natz, Sprecher der Berliner Wasserbetriebe
Das größte Problem sei „nicht in erster Linie die Wasserqualität, sondern das seit Jahren fehlende Bemühen der zuständigen Senatsverwaltung (SenMVKU), den aktuellen Wissensstand in Entscheidungsrichtlinien, Handlungsideen und Maßnahmen umzusetzen“. Die Behörde unternehme nichts, um die überkommenen Regelungen zu prüfen und zu modernisieren, das pauschale Badeverbot zurückzunehmen und die Lebensqualität der Berliner Bevölkerung zu verbessern.
Senat will Vorhaben prüfen
Auch Katja Zimmermann, stellvertretende Fraktionssprecherin der Grünen in Mitte, sieht den Ball im Feld des Senats: „Der Lageso-Bericht stützt unsere Position, die Wasserqualität muss endlich vom schwarz-roten Senat verbessert werden. Wir Grünen wollen, dass Berliner legal und sicher schwimmen können – genau wie in anderen europäischen Metropolen.“
Der Senat für Stadtentwicklung will die Machbarkeit jetzt prüfen, wie ein Sprecher gegenüber der Morgenpost äußerte: „Die Fördermittel für das Flussbad wurden nicht gestrichen, die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen hat die Idee einer Pilotbadestelle in das integrierte städtebauliche Entwicklungskonzept (ISEK) für die Berliner Mitte aufgenommen. In diesem Rahmen müsste die finanzielle und städtebauliche Umsetzbarkeit einer Badestelle allerdings konkret geprüft werden, auch hinsichtlich der technischen Machbarkeit und der Wasserqualität. Hinzu kommen Fragen des Denkmalschutzes und des Betriebs einer Badestelle: Wer baut und betreibt die Pilotbadestelle?“ Unabdingbar für das Schwimmen im Spreekanal sei eine Wasserqualität, die keine Gesundheitsgefahr für die Berliner Bevölkerung darstelle.
Kritiker schlägt andere Pilotbadestelle für Spree vor
Für Umweltplanungsingenieur Ralf Steeg ist das Flussbad ein Millionengrab. Der Klärwerksplanungsprofi beschäftigt sich nach eigenen Worten seit 2003 mit dem Thema und ist sich sicher: Weder der von der Fluss-Bad-Initiative geplante Spreekanal zum Ableiten von Hochwasser („ein Betonmonster“) noch der eingesetzte Pflanzenfilter könnten Wasser im Spreekanal am Schloss ausreichend reinigen, um es als Badewasser zu qualifizieren. „Seit 28 Jahren verbreiten die Leute Lügen“, so Steegs Überzeugung. Bei den Flussbad-Demonstrationen seien Hunderte Schwimmer in die Spree geschickt worden, in der sie sich mit allen möglichen Krankheiten hätten anstecken können. Seiner Meinung nach sollte man die Pilotbadestelle für das Flussbad lieber an der Elsenbrücke installieren anstatt am Schlossplatz. Warum dort? „Dort gibt es keine Einleitung von der Mischkanalisation.“
