Der ehemalige Grenzübergang gehört zu den Top-Sehenswürdigkeiten. Anzusehen ist ihm das bislang nicht. Jetzt startet Berlin einen neuen Anlauf.
Morgenpost vom 28.02.2026 von Isabell Jürgens

Touristengruppen drängen sich auf schmalen Bürgersteigen und posieren vor dem nachgebauten Kontrollhäuschen, fliegende Händler bieten Hüte der Sowjetarmee als Souvenirs an: Am Checkpoint Charlie standen sich 28 Jahre lang Ost- und West-Grenzsoldaten unversöhnlich gegenüber, bis heute ist der ehemalige Kontrollpunkt weltberühmtes Symbol für den Kalten Krieg. Allerdings lässt sich die historische Bedeutung kaum noch ablesen – das soll sich nun ändern.

„Im Rahmen eines interdisziplinären Realisierungswettbewerbs soll der Ort zu einem gestalterisch qualitätsvollen sowie historisch angemessenen Bildungs- und Erinnerungsort entwickelt werden, der seiner hohen Bedeutung für die Stadt Berlin gerecht wird“, heißt es in einer jetzt veröffentlichten Mitteilung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Der Wettbewerb soll am 1. April starten.

Bund, Land und Lotto-Stiftung finanzieren neuen Erinnerungsort

Im Vorfeld des Wettbewerbs lädt die Senatsverwaltung interessierte Bürgerinnen und Bürger am kommenden Dienstag zu einer öffentlichen Informationsveranstaltung für das Wettbewerbsverfahren ein. Ziel des zweiphasigen Wettbewerbs: „Den Standort als hochwertigen Stadtraum mit internationaler Strahlkraft neu zu positionieren sowie seine Funktion als Erinnerungs- und Bildungsort zu stärken.“ Mit dem Wettbewerb sollen laut Ankündigung interdisziplinäre Teams aus Landschaftsarchitekten, Architekten, Szenografen und Ausstellungsgestaltern angesprochen werden.

Im Juni 2026 werden die eingereichten Entwürfe dann in einer nicht öffentlichen Sitzung durch ein Preisgericht bewertet. In einer zweiten Bearbeitungsphase sollen die ausgewählten Konzepte weiter ausgearbeitet werden. Im September 2026 soll schließlich ein Siegerentwurf gekürt und dann im Oktober öffentlich präsentiert werden. Vorsichtig heißt es in der Bekanntmachung: Die Baumaßnahme soll „bis voraussichtlich 2030“ abgeschlossen sein.

Das wäre dann bereits im 41. Jahr nach dem Fall der Mauer und jahrelangen, äußerst kontrovers geführten politischen Debatten, die 2018 eine gänzlich neue Wendung genommen hatten. Der damalige rot-rot-grüne Senat hatte vor acht Jahren alle früheren Planungen und Verabredungen mit dem Inves tor Trockland über den Haufen ge worfen. Der 2020 beschlossene neue Bebauungsplan bildet nun die Grundlage für die weitere Gestaltung des Ortes. Die künftige Bebauung beiderseits der Friedrichstraße soll sowohl auf der Ost- als auch auf der Westseite den Blick auf die unter Denkmalschutz stehenden Brandwände ermöglichen. Auf der Ostseite soll ein Museum des Kalten Krieges entstehen. Kein Gebäude darf höher werden als 28 Meter. Nachdem sich Trockland von dem Projekt zurückgezogen hatte, erwarb das Land Berlin für 3,56 Millionen Euro zwei Teilflächen der beiden letzten noch unbebauten Grundstücke. Auf diesen sollen nun der Bildungs- und Erinnerungsort Checkpoint Charlie und ein Stadtplatz entstehen.

Das Wettbewerbsgebiet ist allerdings noch weiter gefasst. Es liegt am Übergang der Bezirke Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg und umfasst die Platzflächen beidseits der Friedrichstraße rund um den Checkpoint Charlie. Es reicht in der Umgebung bis in Richtung Krausenstraße sowie Koch- beziehungsweise Rudi-Dutschke-Straße.

Der neu zu schaffende Bildungs- und Erinnerungsort soll von der Stiftung Berliner Mauer betreut und kuratiert werden. Wie der Staatsminister für Kultur und Medien, Wolfram Weimer, im Januar mitteilte, wird der Bund die geplante Außenausstellung mit Informationspavillon mit 1,65 Millionen Euro fördern. Zudem hat die Stiftung Berliner Mauer 2,35 Millionen Euro vom Land Berlin sowie eine Förderung in Höhe von einer Million Euro durch die Lotto-Stiftung Berlin erhalten.

Die Umsetzung dieses Projekts soll nach Auskunft der Stiftung Berliner Mauer 2028 beginnen. Bis dahin soll es weiterhin temporäre Ausstellungen vor Ort geben.

Ausdrücklich nicht Teil der Wettbewerbsaufgabe ist die Gestaltung der laut Bebauungsplan möglichen Neubauten. „Die Federführung für die Freiraumgestaltung liegt bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, aber nicht für die Neubauten östlich und westlich der Friedrichstraße, die sich im Eigentum von Gold.Stein befinden“, heißt es auf Nachfrage der Berliner Morgenpost aus der Verwaltung von Bausenator Christian Gaebler (SPD). Zum Stand der Planungen könne nur der Investor selbst etwas sagen.

Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt hatte zuletzt im Sommer 2024 auf eine parlamentarische Anfrage erklärt, dass für die privaten Vorhaben aktuell Bauvorbescheidsverfahren liefen. Investor Gold.Stein aus Frankfurt/M. möchte sich zum aktuellen Stand des Verfahrens nicht äußern und verweist für weitere Informationen auf die Senatsverwaltung.

Auf der Homepage des Unternehmens wird das Bauvorhaben Checkpoint Charlie mit einem Projektvolumen von rund 360 Millionen Euro beziffert. Vorgesehen sei eine gemischte Nutzung aus Büro, Wohnen und Handel. Die Mietfläche soll sich auf 13.000 Quadratmeter Büronutzung, 11.000 Quadratmeter Wohnen sowie 2200 Quadratmeter Handelsflächen verteilen.

Am Dienstag, 3. März, von 17.30 bis 20 Uhr lädt die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zu einer öffentlichen Infoveranstaltung für das Wettbewerbsverfahren ein. Ort: Stadtwerkstatt Berlin, Karl-Liebknecht-Straße 11, Mitte.

Die Berliner Morgenpost im Internet: www.morgenpost.de