Flachdach, Satteldach, Kulturkampf: Moderne Architektur polarisiert. Es geht um Identität, Macht und die Frage, wie wir leben wollen. Die AfD nutzt das.
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 15.03.2026 von Mina Marschall
Haltestelle Flechtinger Straße in Magdeburg. Hier beginnt die Hermann-Beims-Siedlung. Wohnblock reiht sich an Wohnblock, jeder drei Stockwerke hoch, mit Flachdach und gelber Fassade. Kleine Rasenflächen trennen die Gebäude von der Straße. Auf jeder von ihnen steht ein Briefkasten. Nur die Farbe der Haustüren und Fensterrahmen unterscheidet sich von Haus zu Haus.
Knapp zweitausend Wohnungen umfasst die Siedlung. Entstanden ist sie vor etwa hundert Jahren in der Blütezeit des Neuen Bauens. Bruno Taut, Architekt und Städteplaner, hatte einen Generalsiedlungsplan für Magdeburg entworfen, eine Art Zukunftsskizze für eine moderne Stadt. Siedlungen wie diese waren zentral: Wohnraum sollte bezahlbar, hell und funktional sein. Denn, obwohl die Wohnungen klein waren, hatte jede, anders als in vielen Arbeitervierteln bis dahin üblich, ein eigenes Bad und eine Küche.
Es war der Anspruch der Moderne, dass Architekten auf gesellschaftliche Bedürfnisse reagierten, anstatt sich in Formen zu verlieren. Hygiene war wichtiger als Ornament, Licht und Luft waren wichtiger als Stuck. Doch was als Fortschritt gedacht war, stieß schon damals auf Ablehnung. Auch heute haftet an den Gebäuden der Moderne und ihren Nachfolgern ein schlechter Ruf. Die Fassaden seien kühl, monoton und gleichförmig, die Dächer zu flach, die Gebäude insgesamt zu hoch. Praktisch vielleicht, aber selten schön anzusehen.
Tilo Bergmann ist Vorsitzender des Vereins Stadtbild Deutschland. Er setzt sich dafür ein, eine „klassische“ Baukultur zu bewahren. Wenn er an moderne Architektur denkt, sind da vor allem glatte Fassaden, die den Puls in die Höhe treiben, und gestapelte Wohnungen in riesigen Komplexen, denen es an Identität fehle, mit denen man Menschen gleichmache.
Sein Verein fordert, dass Städtebau sich wieder stärker an der Bautradition eines Ortes orientiert. Etwa an den Merkmalen eines bürgerlichen Wohnhauses. Ist das Dach mit Schiefer oder Ziegeln gedeckt? Wie ist die Formgebung? Die Frage sei immer, was man früher hatte und was davon funktioniert habe. „Das regionaltypische Bauen ist eine Antwort auf die oft als steril empfundene Moderne“, ist Bergmann überzeugt.
Er und sein Verein sprechen auch von „traditionellem“ Bauen, Das ist ein dehnbarer Begriff. Im Städtebau ist schwer zu fassen, was „Tradition“ heißen soll: mittelalterliche Stadt? Barock? Gründerzeit? Auch vermeintlich traditionelle Neubauten mit Satteldächern und Ornamenten entstehen heute mit modernen Materialien, Grundrissen und Schnitten.
Doch Bergmann geht es weniger um einzelne Stilelemente als um Gebäudetypen und Maßstäbe: kleine Häuser und klare Straßenräume statt großer, seriell wirkender Blöcke; Stadt als Gefüge, in dem man sich wiederfindet. „Ein Beispiel: Bis zum vierten, fünften Stock erkennt man noch Gesichter, die von dort aus auf die Straße schauen. Allein das macht das Zusammenleben weniger anonym.“
Der Verfechter einer Vormoderne-Architektur ist überzeugt, lässt man das außer Acht, baut man keine guten Städte. Wer ihm länger zuhört, merkt schnell: Die Ästhetik ist ihm nicht unwichtig – aber sie ist nicht der Kern. Es geht ihm um Identität, um die Frage, ob Gebäude eine Geschichte erzählen können. Ob sie Räume schaffen, in denen Menschen nicht nur wohnen, sondern sich auch begegnen.
Philipp Oswalt ist Architekt und Professor für Architekturtheorie an der Universität Kassel und leitete von 2009 bis 2014 die Stiftung Bauhaus Dessau. In seinem Buch „Bauen am nationalen Haus“ beschreibt er, woher ein wesentlicher Teil der Ablehnung rührt. Oswalt erklärt das so: Von moderner Architektur wird seit Jahren ein Klischeebild verbreitet, um gegen sie ankämpfen zu können. Sie ist Teil eines Kulturkampfes, in dem nur traditionelles Bauen als gut gilt. Moderne Architektur ist aber vielfältiger als die Fratze, die ihre Gegner zeichnen.
So ist in Sachsen-Anhalt das Bauhaus als Inbegriff der architektonischen Moderne in den vergangenen Jahren ins Visier der AfD geraten. Im Oktober 2024 stellte die Partei im Parlament in Magdeburg einen Antrag, in dem sie eine kritische Auseinandersetzung mit dem Bauhaus-Erbe forderte. Sie warnte vor einer „einseitigen Glorifizierung“ rund um die Jubiläumsfeiern in Dessau. Der Antrag trug den Titel „Irrweg der Moderne“, die Rede war von „globalem Einheitsbrei“. Worte, die an jene Zeiten erinnerten, in denen die Nationalsozialisten das Bauhaus als „entartet“ brandmarkten.
Das Parlament lehnte ab. Doch die AfD führt ihren Kampf gegen die Moderne weiter. Seit Ende Januar kursiert der Entwurf für das „Regierungsprogramm“ der Partei, der im April auf einem Parteitag beraten und beschlossen werden soll. Darin heißt es, die Landesregierung betreibe unter dem Titel „moderndenken“ eine Imagekampagne, die versuche, „aus dem Bauhaus die Identität des Landes Sachsen-Anhalt abzuleiten“. Dabei wolle die Bauhaus-Schule „jedes Anzeichen von nationaler Verwurzelung“ vermeiden. Die Partei fordert deshalb, den Slogan in „deutschdenken“ umzuwandeln.
In dem Entwurf geht es außerdem um eine Richtlinie, die Architekten bei öffentlichen Bauten die Formensprache einer „anerkannten Bautradition“ vorschreiben soll. Neubauten sollen „von der Mehrheit der Bevölkerung als schön empfunden werden“ und „historische Identität widerspiegeln“. Die Partei vertritt damit eine Position, die längst nicht nur in rechtsextremen Kreisen auf Zustimmung stößt. An moderner Architektur reiben sich Menschen quer durch alle Gesellschaftsschichten. Die AfD weiß das für sich zu nutzen. Sie geht auf Stimmenfang in vermeintlich unpolitischen Räumen und knüpft dort an, wo ihre Positionen besonders anschlussfähig sind. Etwa indem sie sagt, „öffentliche Gebäude, die nach 1990 in Sachsen-Anhalt errichtet wurden“, seien oft von „einer außerordentlichen Hässlichkeit“. Damit schließt sie an die Kritik von Initiativen wie Stadtbild Deutschland an. Zu den parteipolitischen Debatten äußert der Verein sich auf Nachfrage nicht.
Die Partei führt einen Kulturkampf, der alles andere als neu ist. Das Muster lässt sich bis in die Weimarer Republik zurückverfolgen: Bereits vor hundert Jahren brach in Berlin der sogenannte Zehlendorfer Dächerkrieg aus, nachdem Bruno Taut und weitere Architekten die moderne Wohnsiedlung „Onkel Toms Hütte“ geplant hatten. Mit ihr sollte bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden, den Berlin dringend benötigte. Das Vorhaben war bei den wohlhabenden Bewohnern Zehlendorfs unbeliebt, doch die Reihenhäuser wurden gebaut – mit flachen Dächern.
Direkt gegenüber entstand fast zeitgleich eine weitere Siedlung. Sie bestand aus Einfamilienhäusern und Wohnungen für besser verdienende Angestellte. Statt flachen Dächern kamen dort steile, „traditionelle“ Satteldächer zum Einsatz.
In Zehlendorf brach ein Kulturkampf aus. „Die Modernisten behaupteten, nur das Flachdach sei funktional, modern und adäquat. Die Traditionalisten behaupteten, nur das Satteldach sei deutsch“, sagt Oswalt und fügt hinzu: „Das eine ist so ein Unsinn wie das andere.“ Auch damals ging es nicht um Ästhetik, sondern um Identität – und die Frage, wer über das Stadtbild bestimmt. „Da gab es eine Ideologisierung von beiden Seiten.“ Auch bei den Vertretern der Moderne, die ihre Form mitunter zur einzig richtigen erklärten.
Zu ihnen zählt Oswalt Walter Gropius, den Gründer des Bauhauses. In jener Zeit habe es die Sehnsucht nach Einheit gegeben. Moderne Architekten erklärten ihren Stil zum verbindlichen Zeitstil für die moderne Gesellschaft. Was scharfe Kritik unorthodoxer Modernisten provozierte. Die moderne Architektur habe sich stets weiterentwickelt und sei heute sehr heterogen. „Es gibt viele moderne Architekten, die auch Satteldächer bauen“, sagt Oswalt. Trotzdem prägten die Argumentationen von Architekten wie Gropius bis heute den Blick auf die moderne Architektur. Im Kulturkampf behält sie das Image einer homogenen Masse, die alles um sich herum verdrängen will.
Aus diesem Zerrbild der Moderne folge ein weiteres Missverständnis: dass man sich für eines der beiden Lager entscheiden müsse; dass es nur noch ein Für oder Gegen gebe. Dann stellen sich Fragen: Muss man sich, um sich gegen die AfD zu stellen, auch gegen traditionelle Formen stellen? Ist das Satteldach automatisch verdächtig, die Rekonstruktion reaktionär, das Ornament ein Rückfall? Oswalt hält diese Logik für gefährlich – weil sie die Debatte genau in die Frontstellung treibt, die Populisten brauchen. Stattdessen müsse man darauf achten, das Framing der AfD nicht zu reproduzieren. „Wir sind absolut in der Falle, wenn wir anfangen zu sagen, traditionelles Bauen ist antiquiert und nur traditionelle Architektur ist progressiv“, sagt Oswalt. Er selbst identifiziere sich zwar mit einer modernistischen Architektursprache, aber wäre immer sehr entschieden für Liberalität.
Bergmann von Stadtbild Deutschland wiederum sagt, es gehe nicht darum, Städte so aufzubauen, dass sie dem Stand vor 1939 entsprächen. Das Bankenviertel in Frankfurt etwa gehöre mittlerweile ebenfalls zur Identität der Stadt. Trotzdem solle sich in der Stadtplanung häufiger die Frage gestellt werden, wo man nun überall Hochhäuser haben wolle. Man wollte nicht zurück in die Vergangenheit, aber durchaus von ihr lernen. Die Blockrandbebauung der Gründerzeitjahre ist für Bergmann ein Beispiel dafür. „Statt städtebaulichen Resträumen haben sie dann ein Quartier: Innenhöfe, die von den Bewohnern als privater Raum genutzt werden.“
Von dem „traditionellen“ Bauen lässt sich lernen, ohne die Moderne als gescheitert abzustempeln – davon kann ohnehin nicht die Rede sein. Gescheitert ist allenfalls die Vorstellung, man könne sie auf eine verbindliche Formsprache reduzieren. Denn sehr wahrscheinlich hat es diesen einen Stil nie gegeben. Selbst an den Rändern der Hermann-Beims-Siedlung findet man eine Blockrandbebauung. Mit Satteldächern.
