Trotz Wohnungsnot blockiert politische Symbolik das Tempelhofer Feld. Die Architekten Kollhoff und Nöfer haben mit ihrem Bebauungsplan nun die richtige Debatte angestoßen – mit Konzepten von vorgestern.
Welt vom 28.05.2026 von Marcus Woeller
In Berlin geht es auf die Wahlen zu, und da frischt auch der Wind auf dem Tempelhofer Feld auf. Wir erinnern uns: Was heute landlustig „Feld“ genannt wird, war einmal ein Flugplatz. Der Flugbetrieb ist schon lange eingestellt. Das ehemalige Rollfeld liegt aber noch immer mitten in Berlin und darf dank des Volksentscheids von 2014 nicht bebaut werden. 64,3 Prozent der Teilnehmer wollten damals, dass es ihnen „dauerhaft, uneingeschränkt und unentgeltlich zur Freizeitgestaltung und Erholung zur Verfügung“ gestellt wird. Das entsprechende Gesetz sichert seither ein vollständiges Bauverbot für das rund 304 Hektar große Areal.
Und wehe, es rüttelt einer daran, an dieser windigen Entscheidung, die heute vielen Wohnungssuchenden in Berlin unverständlich erscheinen dürfte. Die Initiative „100 % Tempelhofer Feld“ konnte sich lange darauf verlassen, dass sich aus der Landespolitik niemand traut, den 2014 artikulierten Bürgerwillen grundsätzlich infrage zu stellen – was man bei einer derart folgenreichen Blockade alle paar Jahre durchaus einmal tun könnte. Der in den Parteien vielfach wechselnde Senat wirkt da oft noch zaghafter als die paar Feldlerchen, deren Milieuschutz mehr gilt, als die Wohnungsnot von gut Hunderttausend Hauptstädtern. Der Berliner Wohnraumbedarfsbericht geht bis 2040 sogar von bis zu 222.000 fehlenden Wohnungen aus.
Immerhin 21.400 Wohnungen glauben die Architekten Hans Kollhoff und Tobias Nöfer am Tempelhofer Feld schaffen zu können – und mehr noch: einen „Paradigmenwechsel“ im Umgang mit dem Areal. Angefacht wird ihr Vorschlag von einem sachten Wandel in der Haltung gegenüber der Freifläche. Die Industrie- und Handelskammer Berlin hat in einer repräsentativen Umfrage gerade – wenn auch ziemlich anbiedernd – gefragt: „Wie stehen Sie zu einer maßvollen Bebauung am Rand des Tempelhofer Felds zur Schaffung von zusätzlichem Wohnraum, wenn die zentrale Freifläche erhalten bliebe?“
Und siehe da: Nachdem wohl jeder schon einmal seinen Drachen auf der Luxusbrache hat steigen lassen, scheint sich auch in den Köpfen etwas zu bewegen. Fast 59 Prozent antworteten, eine Randbebauung „befürworte ich (eher)“, 25 Prozent sagten, sie lehnten das „(eher) ab“. Mit dem Wörtchen „eher“ war die Berliner Verzögerungspraxis in der Umfrage wohl schon eingepreist.
Architekten wiederum juckt es bei so einer innerstädtischen Tabula rasa naturgemäß in den Fingern. Deshalb gab es immer wieder Vorschläge – manche auf Grundlage offizieller Verfahren, manche unverlangt eingesandt. So stellte Christoph Langhof – bekannt in Berlin mit dem Büro-Hotel-Hochhaus „Upper West“ – 2025 einen Entwurf vor, der dem Tempelhofer Feld entlang der geschwungenen Hangargebäude des ehemaligen Flughafens eine Art Stadtkrönchen aufsetzen wollte. Zwölf schimmernde Türme sollten es sein; Wohnungen – bis zu 5000 sah der Plan vor – würden also in die Höhe gestapelt, die Freifläche aber nicht direkt angegriffen.
Auch die Ergebnisse eines „internationalen stadt- und freiraumplanerischen Ideenwettbewerbs“ des Senats wurden 2025 öffentlich vorgestellt. Am Ende wurden aus zwanzig Entwürfen sechs Ideen als gleichwertige Preisträger ausgewählt. Viele davon wirkten allerdings so, als seien sie bereits von den Bewahrern des Volkswillens von 2014 und ihren „gewählten Feldkoordinatoren“ eingeschüchtert worden. Die Freifläche wurde allenfalls an den Rändern ein wenig angeknabbert; ein wesentlicher Beitrag zur Lösung des Wohnungsmangels war dort nicht zu erkennen.
Der Vorschlag von Kollhoff und Nöfer erscheint dagegen geradezu radikal. Er sieht vor, 100 Hektar am äußeren Rand des Tempelhofer Felds zu bebauen, dort 21.400 Wohnungen für 50.000 Menschen zu errichten und die verbleibenden 200 Hektar als Freiraum zu belassen.
Der emeritierte Architekturprofessor Hans Kollhoff, der über Jahrzehnte an der ETH Zürich lehrte, ist in Berlin vor allem durch seinen neoexpressionistischen, backsteinverkleideten Turm am Potsdamer Platz und die Querelen um den robust gestalteten Walter-Benjamin-Platz bekannt. Kollhoff verantwortete auch den Hochhausplan für die Gegend um den Alexanderplatz, der mit jahrzehntelanger Verspätung mittlerweile in Teilen umgesetzt wird.
Tobias Nöfer hat seine Spuren in Berlin unter anderem mit noblen Stadtvillen, Wohn- und Geschäftshäusern mit neohistoristischen Fassaden hinterlassen. Er zitiert den Typus des Berliner Wohnhauses der Gründerzeit – mit Säulen, Stuck und einer deutlich restaurativen Lust an der Stadtgestalt. Auch für die Friedrichstraße hat Nöfer Pläne.
Mit einem gewissermaßen Hobrecht’schen Selbstvertrauen haben die beiden nun ihren „Großen Plan“ vorgestellt, der unter dem Titel „Zuhause am Tempelhofer Feld“ eine neue Debatte anstoßen soll. „Bietet das weite Feld nicht ausreichend Platz für Landschaft und Neubau, für Wohnen und Arbeiten, für Erholung und Gewerbe?“, fragen Kollhoff und Nöfer und machen einen „einfachen Vorschlag“: Die Grünfläche wird verkleinert, soll aber immer noch so groß bleiben, wie der Hyde Park.
Bisher war immer der Central Park als Referenzgröße herangezogen worden, wobei auch jetzt wieder vergessen wird, dass sowohl der Londoner als auch der New Yorker Stadtpark entsprechend gestaltet sind, während diese Frage Berlin-typisch auch von Kollhoff und Nöfer umgangen wird – „Gras wird hin und wieder gemäht – alles Weitere wird sich zeigen.“
Gerahmt werden soll der wilde Rasen von dichter Wohnbebauung und einer ringförmigen Straße. Womit die beiden Architekten sich in ihrem Ziel wieder am verehrten Stadtplaner des späten 19. Jahrhunderts orientieren: dem „Heranführen der vorhandenen städtischen Bebauung, wie sie in Berlin seit James Hobrecht üblich ist, an das freigehaltene, unbebaute Tempelhofer Feld, präzise begrenzt und gerahmt von einer weltstädtischen Promenade, unter deren Platanen die Berliner und ihre Gäste wieder einmal ganz entspannt und nicht ohne Stolz flanieren können. Die gewohnte Stadt rückt heran und bildet einen grandiosen Raum.“
Ob das städtebaulich in der Form gelingen kann, wie es Kollhoff und Nöfer vorschwebt, darf bezweifelt werden. Denn – und da wirkt ihr „Großer Plan“ doch nur klein gedacht – sie zäumen das Pferd von hinten auf, genauer gesagt: das Feld von den Säumen. Die Hälfte der Bebauung landet in einem Bereich, der von Autobahn, S-Bahn-Ring und Gewerbegebieten abgedrängt ist, der Rest auf Streifen, die so schmal sind, dass sich dort kaum ein Kiezgefühl einstellen dürfte. Gerade das aber war die eigentliche Stärke der Blockrandstadt des späten 19. Jahrhunderts, auf die sich beide Architekten fortwährend berufen.
Es geht Kollhoff und Nöfer offenkundig weniger darum, ein neues Stadtviertel aus der Logik des Ortes heraus zu entwickeln, als dem Areal ihren Alt-Berliner Stempel aufzudrücken. So wird etwa die Blockstruktur der Gründerzeitviertel nachgeahmt. Bis in Details hinein soll zudem der Geschmack der Architekten normiert werden – „Die Hausnummern werden auf Emailschildern, blaue Schrift auf weißem Grund, präsentiert.“ Und, wenn man sich die Renderings anschaut, wird in diesem Rigorismus natürlich auch die Traufhöhe bewahrt, jene heilige Kuh des Berliner Städtebaus, deren Ursprung noch auf eine Polizeiverordnung von 1887 und die maximale Länge der damaligen Feuerwehrleitern zurückgeht.
Im autoritären Gestus wird in der Werbebroschüre festgelegt: „Es bedarf keiner weiteren städtebaulichen oder architektonischen Wettbewerbe.“ Interessierten Investoren soll „eine Reihe Prototypen an die Hand gegeben“ werden. Den Bauherren und den von ihnen beauftragten Architekten wird lediglich die Freiheit zugestanden, „innerhalb der gegebenen Spielregeln“ zu bauen und sich „in der Fassade auszudrücken“. Damit werde sich die „gestalterische Vielfalt einpendeln auf eine stilistische Konvention, die heutigen Ansprüchen genügt (…) und dem aktuellen Schönheitsempfinden entspricht“, heißt es weiter. „Eine Herausforderung für das Metier der Architektur.“ Bleibt zu hoffen, dass sich das Metier von diesen Provokationen kreativ herausgefordert sieht.
Der Entwurf von Kollhoff und Nöfer propagiert einen wichtigen Aspekt: die kleine Parzellierung. Kleine Parzellen – „die für individuellen Hausbau zur Verfügung stehen“ – sind tatsächlich die Krux für jene begehrte Urbanität, die mit der gründerzeitlichen Bebauung und der legendären „Berliner Mischung“ geschaffen wurde. Den Vorstellungen vieler Immobilienentwickler freilich laufen kleinere Grundstücke zuwider, weshalb Parzellierung meist nur in der Fassadengestaltung angetäuscht wird. In einem Gastbeitrag für die „Berliner Morgenpost“ glaubt Kollhoff jedoch, eine Bebauung nach seinen Vorstellungen würde „eine Welle parzellierten Hausbaus auslösen“.
Berlins Regierenden Bürgermeister hat er anscheinend schon überzeugt: „Das Land Berlin könnte dieses Projekt selbst entwickeln“, sagte Kai Wegner (CDU). Der Finanzsenator werde nun „die Finanzierbarkeit prüfen“. Abgesehen von dieser letztlich entscheidenden Größe hat der Plan von Hans Kollhoff und Tobias Nöfer aber das Zeug, die dringend nötige Diskussion über eine Nutzung des Tempelhofer Felds anzustoßen. Schon weil er nebenbei zeigt, was auf dieser Fläche überhaupt denkbar wäre: Das Areal ist nämlich nicht nur so groß wie der Hyde Park, sondern könnte locker die gesamte Innenstadt von Wien aufnehmen.
Die eigentliche Frage lautet daher: Warum wird beim Tempelhofer Feld nur vom Rand her gedacht? Europäische Städte sind im besten Fall von innen nach außen gewachsen, aus Zentren, Märkten und Plätzen – nicht als dekorativer Ring um eine ideologisch geschützte Leerstelle der Wohnungspolitik. Ein Wohnungsbau, der die Ansprüche von morgen befriedigen soll, müsste daher weniger von Nostalgie und Blockrastern her gedacht werden als von innen – von klugen Grundrissen, die sich wandelnden Bedürfnissen anpassen.
