Zum 200. Todestag von Carl Maria von Weber zeigt die Staatsbibliothek kostbare Autografen, im Musikleben bleibt es erstaunlich still um den Komponisten.
Morgenpost vom 05.06.2026 von Volker Blech
Berlin Der Todestag von Carl Maria von Weber jährt sich zum 200. Mal. Der Komponist war am 5. Juni 1826 in London gestorben. In der Musikwelt ist das eigentlich ein wichtiges Jubiläum, aber Berlin mit seinen Opernhäusern und Orchestern hat diese Tradition offenbar ein wenig aus den Augen verloren. Dabei gilt die Uraufführung der frühromantischen Oper „Der Freischütz“ im Konzerthaus 1821 als ein nationales Ereignis. Einige Nummern der Oper wie der „Jungfernkranz“ oder der „Jägerchor“ wurden in Berlin zu Gassenhauern. „Der Freischütz“ gilt bis heute vielen als die deutsche Nationaloper. Aber geehrt wird ihr Komponist jetzt vor allem in Dresden, in Berlin nur im Beiprogramm.
Glücklicherweise hat die Staatsbibliothek in ihrer „Schatzkammer“ Unter den Linden einige exklusive Exponate zum Jubiläum hervorgeholt und ausgestellt. Dazu zählt ein ikonisches Porträt des Komponisten, das zwei Jahre nach der Uraufführung des „Freischütz“ entstand. Für die in Dresden angefertigte Vorlage von Carl Christian Vogel sind in Webers Tagebuch Anfang 1823 mehrere Sitzungen notiert. Die grafische Umsetzung stammt vom Weimarer Hofkupferstecher Carl August Schwerdgeburth. Ein Zeitgenosse schwärmte über das Bild: „Lange sahen wir nichts Vollendeteres (…) in der getroffensten Ähnlichkeit.“ So sah Weber also wirklich aus.
Die Weber-Sammlung der Staatsbibliothek enthält weit über die Hälfte der überlieferten Schriftzeugnisse des Komponisten. Den Grundstein für die Sammlung legte 1851 die Witwe Caroline von Weber mit der Schenkung des „Freischütz“-Autografs. Der Schenkungsbrief an König Friedrich Wilhelm IV. vom 28. Oktober 1851 ist in der „Schatzkammer“ ausgestellt. Im Brief betont die Witwe ihre Absicht, „den Autografen Webers sichere Freistätte zu vermitteln“, die sie in der Königlichen Bibliothek erhielten. Tatsächlich ist es für Nachlassgeber bis heute wichtig, ein stabiles, zukunftssicheres Archiv zu finden. Große Archive konkurrieren miteinander um wichtige Nachlässe. Die Berliner haben seit jeher einen guten Ruf.
„Der Freischütz“ spielt in einem Dorf kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg. Der junge Jäger Max liebt Agathe, die Tochter des Erbförsters Kuno. Um sie heiraten zu können, muss Max einen Probeschuss bestehen. Aber er hat Versagensängste und gerät in Panik. Der zwielichtige Jäger Kaspar nutzt seine Verzweiflung aus und überredet ihn, in der teuflischen Wolfsschlucht sogenannte Freikugeln zu gießen. „Samiel hilf“ war ein Ausruf, der lange auch im Alltag benutzt wurde. Die Wolfsschluchtszene ist das Herzstück der Oper. Die Seiten 198–199 des Autografen finden sich in der „Schatzkammer“ aufgeblättert wieder. Was auffällt: Die Partitur ist überaus sorgfältig, ja fast pedantisch notiert. Kein fantasievoller, romantisch-egomanischer Überschwang ist erkennbar.
Vielleicht lohnt sich zur Erklärung ein Blick in die Biografie. Seinem Vater, einem etwas zwielichtigen Wanderbühnenunternehmer, der sich von einer ausgestorbenen österreichischen Adelsfamilie sein „von“ und den Titel Baron angeeignet hatte, verdankte Carl Maria die breite Kenntnis des Opernrepertoires. Die Werke wurden selbst aufgeführt, andere lernte er auf väterlichen Tourneen kennen. Und er lernte den Betrieb und die Großen darin kennen. Für die Oper „Samori“ des seinerzeit berühmten Abbé Vogler fertigte Weber den Klavierauszug an. Das war eine wichtige Aufgabe. Vor Erfindung des Grammofons waren Klavierauszüge die einzige Möglichkeit, sich mit einem neuen Werk ohne Orchester vertraut zu machen. Ein gutes Maß an Korrektheit verhalf zu einer gewissen Verbreitung und Popularität.
„Der Freischütz“ spiegelt die Traumata des Krieges wider
Zum 200-jährigen Jubiläum der „Freischütz“-Uraufführung, die am 18. Juni 1821 im neu eröffneten Königlichen Schauspielhaus stattfand, inszenierte die Gruppe La Fura dels Baus im heutigen Konzerthaus eine Art ökologischen Geistertrip. Das Publikum musste bei der Premiere auf dem Gendarmenmarkt sitzen und alles auf Leinwänden mitverfolgen. Es herrschte gerade die Corona-Pandemie. Drinnen schien sich der große Saal in eine Wolfsschluchtszene zu verwandeln. Es gibt eine Anekdote aus der Generalprobe zur Uraufführung, die sich über das 19. Jahrhundert hinweg immer weiter ausschmückte. In der Wolfsschluchtszene sollte eine präparierte Eule als unheimlicher Bühneneffekt erscheinen. Aber die Theatermaschinerie versagte und die Eule fiel herunter. Angeblich sollen sich Orchestermusiker geweigert haben, weiter mitzuspielen.
Die frühromantisch-deutsche Oper war in nationaler Leidenschaft und im spöttischen Unverständnis der Gegner geboren worden. Tragischerweise tauchte Jahrzehnte später ein genialischer Komponist auf, der all die ästhetischen Impulse der Frühromantiker Carl Maria von Weber, Heinrich Marschner oder Louis Spohr in sein romantisches Riesenwerk einverleibte. Richard Wagner verhalf auf seine Weise so einigen Opernwerken ins Vergessen. „Der Freischütz“ hat seine gesellschaftliche und musikalische Bedeutung bewahrt. Damals dominierten auf den großen Bühnen eher italienische und französische Opern, vor allem die Werke von Gaspare Spontini. Der „Freischütz“ wurde deshalb von vielen als Sieg einer deutschsprachigen Operntradition wahrgenommen.
Aber es gibt noch eine andere Seite. Das Grauen, das hinter der biedermeierlichen Idylle des „Freischütz“ lauert, hatte in der Entstehungszeit seine reale Entsprechung. 1806 war der preußische Staat unter dem napoleonischen Ansturm zusammengebrochen, es folgten nicht nur die französische Besatzung, sondern weitere Schlachten: Napoleons Russlandfeldzug 1812, an dem sich das besiegte Preußen beteiligen musste, sodann die Völkerschlacht bei Leipzig und Waterloo. Im Publikum der umjubelten Uraufführung, die am Jahrestag der Schlacht von Waterloo im Schauspielhaus stattfand, saßen auch kriegstraumatisierte Veteranen und ihre vergewaltigten Frauen. Um der preußischen Zensur zu entkommen, hatten Weber und sein Librettist Friedrich Kind die Handlung in die Zeit nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges verlegt. Es war eine ebenso traumatische Zeit menschengemachter Grausamkeiten.
Zum Todestag am 5. Juni beteiligen sich die Sing-Akademie zu Berlin und Staats- und Domchor an einem Festkonzert beim UdK-Festival crescendo. Am 23. Juni führt die Deutsche Philharmonische Akademie unter Fabian Enders im Kammermusiksaal der Philharmonie Webers selten gespielte 2. Sinfonie auf. Einige Seiten des Autografen der Partitur von 1807 sind in der Staatsbibliothek ausgestellt.
