Es gibt einige Bröckelbrücken in Berlin. Brücken, die von innen zerstört werden. Doch kaum eines dieser Bauwerke ist so wichtig wie die Mühlendammbrücke. Jetzt geht das Projekt, die Spreequerung in Mitte abzubrechen und neu zu bauen, in die nächste und größte Etappe. Ein Unternehmen mit Hauptsitz in Polen hat den Auftrag bekommen. Das teilte die Verwaltung von Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU) nun mit.
Berliner Zeitung vom 18.06.2026 von Peter Neumann
Jeden Tag durchleben die Verantwortlichen eine Zitterpartie. Hält der verbliebene Brückenüberbau zwischen dem Nikolaiviertel und der Fischerinsel durch? 96 Sensoren überwachen das Betonbauwerk rund um die Uhr mit Ultraschall. Mehrmals haben sie schon gemeldet, dass Spanndrähte, die im Innern für Stabilität sorgen sollen, gerissen sind.
Aufgabe ist es nun, den neuen östlichen Überbau zu errichten, dann das alte Teilbauwerk abzubrechen und schließlich die neue westliche Brückenhälfte zu bauen. Wie jetzt bekannt wurde, hat das Land nach einem europaweiten Vergabeverfahren den Auftrag im Mai vergeben. „Es ist geschafft“, sagt Arne Huhn, der in der Verkehrsverwaltung den Brücken- und Ingenieurbau leitet. Die Baustelle werde neu eingerichtet.
Mühlendammbrücke in Berlin: Das ist ihre Geschichte
In dem zweistufigen Verfahren setzte sich eine Arbeitsgemeinschaft durch, so Huhn. Sie hat sich rund um das börsennotierte polnische Bauunternehmen Budimex S. A. gebildet. Mit dabei sind unter anderem die Budimex Bau GmbH in Berlin sowie Mostostal Kraków. Mostostal wird die großen Stahlkonstruktionen der künftigen Brücke liefern.
Er sieht zwar heute nicht mehr danach aus. Aber der Mühlendamm im östlichen Stadtzentrum ist ein historischer Ort. Als einziger befestigter Flussübergang zwischen Berlin und Kölln taucht der „Molendam tu Berlin“ im Mittelalter erstmals in den Annalen auf. Auf dem Damm, der im 13. Jahrhundert neben mehreren Wassermühlen geschaffen wurde, kreuzte der wichtigste Fernhandelsweg der Region die Spree.
Auch heute ist der Mühlendamm Teil einer der wichtigsten Ost-West-Verbindungen in der Stadt. Zu DDR-Zeiten wurde er in eine breite Magistrale integriert. Als Teil des erneuerten, autogerechten Zentrums von Berlin, Hauptstadt der DDR, entstand eine rund 42 Meter breite dreifeldrige Spannbetonbrücke, die Silvester 1969 eröffnet wurde.
Doch dann kam das Jahr 2018. Der Kollaps der Elsenbrücke zwischen Friedrichshain und Treptow, in deren östlichem Überbau ein 28 Meter langer, 14 Zentimeter tiefer Riss entdeckt wurde, rückte andere Spannbetonbauten aus den 1960er-Jahren ins Blickfeld. Dazu gehörte auch die 116 Meter lange und 45 Meter breite Mühlendammbrücke, in der ebenfalls korrosionsgefährdeter Spannstahl aus dem VEB Stahl- und Walzwerk Wilhelm Florin in Hennigsdorf verbaut worden war.
2018 stellten Experten irreparable Schäden am Tragwerk fest. 2021 entdeckte man sogar einen 4,6 Meter langen Riss. Note 3,4: nicht ausreichender Bauwerkszustand. Der Senat begann damit, den Abriss und Neubau vorzubereiten. Das Kopenhagener Planungsbüro COBE und die Ingenieure von Arup gewannen den Wettbewerb. 2025 wurde der östliche Überbau abgebrochen. Seitdem wird der Verkehr auf diesem Abschnitt der Bundesstraße 1 auf der westlichen Hälfte konzentriert.
„Die Situation muss sich schnell verbessern“, sagt Arne Huhn. „Wir wollen unter Ausnutzung der möglichen Arbeitszeiten die kürzestmögliche Bauzeit sicherstellen.“ Diesem Ziel sollte das Vergabeverfahren Rechnung tragen. Die Bauzeit ging zu 40 Prozent in die Wertung der Angebote ein. 60 Prozent entfielen auf den Preis.
Budimex baut neue Brücke: Senat gibt Zeitplan bekannt
Budimex habe ein Konzept vorgelegt, mit dessen Hilfe der zuletzt veranschlagte Fertigstellungstermin unterboten werden könne, lobt der Ingenieur. Erwartete der Senat lange Zeit, dass die neue Brücke erst im September 2029 komplett ist, peilt die Arbeitsgruppe nun das Frühjahr 2029 an. Huhn: „Das wäre ein gutes halbes Jahr früher.“
Positiv sei, dass neben dem Abbruchunternehmen auch andere „alte Bekannte“ wieder auf der Baustelle tätig sind. Die Stahlhohlkästen, auf denen die Betonfahrbahn ruhen wird, sollen in Teilen per Schiff aus Stettin (Szczecin) geliefert werden. Ob direkt zur Baustelle oder zunächst zum Westhafen und dann per Lkw, steht noch nicht fest.
Doch zunächst müssen bei aufwendigen Gründungsarbeiten lange Bohrpfähle in den Boden getrieben und neue Widerlager errichtet werden, berichtet Arne Huhn.
Währenddessen wird das alte Teilbauwerk West weiterhin rund um die Uhr überwacht. „Bislang hat es die Arbeiten im Umfeld überstanden. Wir waren noch nicht so weit, dass wir es sperren mussten.“ Es liegt ein Umleitungskonzept in der Schublade. Würde die Brückenhälfte wie die Dresdner Carolabrücke wegen massiver Spannstahlbrüche kollabieren, müsste der Autoverkehrüber die Rathausbrücke geleitet werden.
Wie die neue Mühlendammbrücke gestaltet wird, war Thema heftiger Debatten. Kritiker befürchteten ein „Betonbrett“ und forderten, dass das Bauwerk viel weniger Kapazität für Autos bekommen soll. Bislang kreuzen pro Tag 74.000 Fahrzeuge die Spree. Die Zahl müsse sinken.
„Es wird eine schöne Brücke“: Was die Berliner erwartet
Man einigte sich auf einen Kompromiss: Die neue Brücke wird 38,4 Meter breit, also etwas schmaler. Die Stahlverbundkonstruktion bekommt drei Fahrstreifen pro Richtung, so Huhn. Ein Teil des Fahrbahnraums würde entfallen, wenn später die Straßenbahnstrecke zum Potsdamer Platz entsteht. Inzwischen hat der Senat auch dieses Tramprojekt allerdings auf Eis gelegt. Auf unabsehbare Zeit.
„Es wird eine schöne Brücke“, sagt Arne Huhn. Von oben wird sie so aussehen, als hätte sie eine Taille. Vor allem aber werde man sich gern dort aufhalten. Die seitlichen Bereiche, in denen die Geh- und Radwege verlaufen, werden unter das Fahrbahnniveau abgesenkt. Grünstreifen trennen sie von den Bereichen der Autos. Davor laden die längsten Sitzbänke Berlins, jeweils rund hundert Meter lang, zum Ausruhen ein.
Doch bis die neue Mühlendammbrücke in drei Jahren ans Netz geht, müssen Kraftfahrer noch viel Geduld haben und vor der auf einen Fahrstreifen pro Richtung verengten Spreequerung anstehen. Die Baustelle im Herzen Berlins wird sogar noch größer werden.
Denn auch die Neue Gertraudenbrücke, die seit 1977 nebenan den Spreekanal überspannt, wird abgetragen und neu gebaut. Prüfungen ergaben, dass das stählerne Bauwerk unter Ermüdungserscheinungen leidet. Unter Belastung schwingen die Bleche. Ende des vergangenen Jahres erließ der Senat eine Gewichtsbeschränkung. Danach durften Fahrzeuge, die schwerer als 3,5 Tonnen sind, dort nicht mehr fahren.
Neue Gertraudenbrücke: Noch ein großes Bauprojekt
Inzwischen wurde die Lastbeschränkung verändert. Bis zu 18 Tonnen schwere Fahrzeuge sind wieder erlaubt. Damit müssen die Linienbusse der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) keine Umwege mehr fahren. Auf den Linien 200, 248, N2 und N42 ist nun wieder Normalbetrieb möglich.
Doch klar ist: Auch die Neue Gertraudenbrücke muss abgebrochen werden. „Zielsetzung ist, dass es schon Anfang 2027 losgeht“, erklärt Huhn. Ursprünglich war erst von Mitte oder Ende 2027 die Rede. Wenn die benachbarte Mühlendammbrücke 2029 freigegeben wird, soll auch im Schatten der Hochhäuser auf der Fischerinsel alles fertig sein. Die neue Brücke wird aus Spannbeton gefertigt, heißt es im Senat.
Doch es geht nicht nur um eine neue Spreekanalquerung. „Die Hauptbauleistung wird darin bestehen, die Uferwände neu zu bauen“, so Huhn. Die Bereiche für Fußgänger und Radfahrer, die heute noch unter der Brücke verlaufen, werden neu gestaltet. Deren Wege kreuzen die stark befahrene Gertraudenstraße künftig ebenerdig an einer Ampel.
Die alte, für Autos gesperrte Gertraudenbrücke und deren Umgebung werden in die Neugestaltung einbezogen, sodass ein einheitlicher, vor allem barrierefreier Bereich entsteht. Die Bronzestatue der Heiligen Gertrud wird dann wieder auf der alten Brücke aufgestellt. So viel steht fest: Auch in diesem Teil von Mitte wird sich einiges ändern.
