Schlagabtausch der Berliner Spitzenpolitiker. In der Tempodrom-Arena erklären sie, was die Stadt jetzt braucht. Die Probleme Berlins leugnet keiner.
Morgenpost vom 01.07.2026
Berlin Sommerzeit ist Zeit der Baustellen. Insofern ist in Berlin eigentlich immer Sommer. Denn politisch, sozial und wirtschaftlich stockt es in der Stadt. Vom Thema Verkehr bis zur Wohnungsnot. Vor der Berliner Abgeordnetenhauswahl im September ist für viele Bürger da die Frage offen, welche der Parteien über realistische Pläne verfügt, um Berlin in eine funktionierende Metropole zu verwandeln.
So lud die Friedrich-Naumann-Stiftung am Montagabend in Kooperation mit der Berliner Morgenpost zum politischen Schlagabtausch Berliner Spitzenpolitiker in die Kleine Arena des Tempodroms in Kreuzberg. Es war der Höhe- und Endpunkt einer gemeinsamen Veranstaltungsreihe. Morgenpost-Chefredakteur Peter Schink empfing auf dem Podium fünf Gäste: CDU-Finanzsenator Stefan Evers, SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach, Linke-Fraktionschef Tobias Schulze, die Vorsitzende der Grünen-Fraktion, Bettina Jarasch, und Christoph Meyer, Landesvorsitzender der FDP Berlin.
Spitzenkandidaten fordern Zusammenarbeit für Zukunft
Um das Feld abzustecken, fragte Schink eingangs nach den größten Herausforderungen fürs Land Berlin. Senator Evers nannte Ausgaben, Sicherheit, Sauberkeit und ob sich die Bürger die Stadt überhaupt noch leisten können. Dem schlossen sich die Konkurrenten an, wobei Bettina Jarasch gleich zum Angriff überging. Sie beklagte einen „Rückwärtsgang“, den Schwarz-Rot nach Grünen-Verdiensten der vorangegangenen Senatsbesetzung, etwa den Ansätzen einer Verkehrswende, eingelegt habe.
SPD-Kandidat Krach sagte an die Adresse des nicht anwesenden Kai Wegner: „Wir brauchen einen Regierenden Bürgermeister, der weniger spaltet und mehr verbindet.“ Einig war er sich mit Jarasch, dass Berlins Probleme sich nur durch eine breitere Zusammenarbeit der demokratischen Kräfte im Abgeordnetenhaus aus dem Weg räumen ließen. Entsprechend offen zeigten sich beide für spätere Koalitionen.
Es war kein Abend der einfachen Antworten auf ungelöste Probleme. Eine plakative Formel wie Senator Evers „Kräne rauf, Mieten runter“ zum mangelnden Wohnraum blieben bei ihm und der Konkurrenz die Ausnahme. Dennoch galt es, Strategien griffig auf den Punkt zu bringen. Jarasch etwa vertrat die Förderung des ÖPNV und teureres Anwohnerparken. FDP-Mann Meyer sagte, was „Berlin herunterzieht“ sei der Kostenblock Sozialausgaben. Zudem habe die Stadt 20.000 Landesangestellte zu viel.
Schulze erklärte, gegen Wohnungsnot helfe Vergesellschaftung. Krach parierte: „Die Enteignung, die Ihr vorhabt, kostet pro Jahr drei bis vier Milliarden.“ Damit schlug er den Bogen zu seinem Bekenntnis pro Olympia. Da würden insgesamt fünf bis sechs Milliarden investiert, aber mit realistischem Nutzen für die Stadt.
Als die Runde für Fragen des Publikums geöffnet wurde, standen die interessierten Gäste an den bereitgestellten Mikrofonen bald Schlange.
Eine junge Hobby-Sportlerin fragte unumwunden: „Ich möchte von Ihnen allen wissen: Wenn ich meine Stimme am 20. September bei Ihnen setze, bekomme ich dann Olympia?“ Das verneinte unmissverständlich nur Bettina Jarasch. Schulze sagte, sollte Berlin den Zuschlag bekommen, „dann müssen wir uns zusammensetzen“.
Eine Zuhörerin hakte bei Schulze nach, was die Partei intern und extern gegen Antisemitismus unternehme. Immerhin hatten erfahrene Kräfte wie die Berliner Ex-Kultursenatoren Klaus Lederer, Sebastian Scheel und Elke Breitenbach die Linke im Oktober 2024 aus Protest verlassen. Und nach dem jüngsten Linken-Bundesparteitag in Potsdam hatte der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, kritisiert, alle „Lippenbekenntnisse zum Schutz jüdischen Lebens“ seien angesichts dortiger Boykottunterstützung und Genozid-Vorwürfe gegen Israel unglaubwürdig. Die Linke solle sich dem wachsenden Antisemitismus stellen, der intern forciert werde.
Schulze antworte, zum einen sei man im Austausch mit vielen jüdischen Organisationen in der Stadt und vertrete ein Fünf-Punkte-Programm gegen Antisemitismus. Zum anderen bestrafe die Linke Sympathiebekundungen gegenüber den Terroristen vom 7. Oktober 2023 und ein Absprechen des Existenzrechts Israels mit Partei-Ausschlussverfahren. Dass Antisemitismus selten derart plump daherkommt, ließ der Fraktionschef unerwähnt.
Eine weitere Polit-Runde vor der Berlin-Wahl angekündigt
Eine Teilnehmerin aus dem Norden der Stadt wollte wissen, wo der Anschluss des Campus Buch an den Berliner Ring bleibe und warum kein AfD-Vertreter auf dem Podium saß. Morgenpost und Naumann-Stiftung hätten bewusst darauf verzichtet, um eine konstruktive Diskussion zu garantieren, sagte Chefredakteur Schink. Das gab den an diesem Abend vielleicht größten Applaus. Schink kündigte eine weitere Runde der Zeitung mit Berliner Spitzenpolitikern für die Wochen kurz vor der Wahl an. Dann auch mit AfD-Vertreter.
