Berlin. Seit 1831 schmückt ein 75 Tonnen schweres Objekt das historische Zentrum Berlins. Bei seiner Anfertigung wurden Rekorde gebrochen. Auch Goethe schaltete sich ein.
Morgenpost vom 04.07.2026 von Ulli Kulke
1826, bei einer Ausstellung, fing alles an, im Haus der Königlich Preußischen Akademie der Künste Unter den Linden. Der König persönlich gab sich die Ehre. Friedrich Wilhelm III. wollte sich von der Schaffenskraft der Maler und Bildhauer seines Königreichs überzeugen. Ein Exponat interessierte ihn besonders. Im Ausstellungskatalog war es angekündigt mit den Worten: „No. 825. Eine kreisrunde Schale aus den in der Kurmark sich findenden Granitstücken gearbeitet. Der Durchmesser des oberen Theils beträgt 6 Fuß.“
Eine Weite von gut 1,80 Metern also. Kein außergewöhnliches Maß für eine repräsentative Schale, doch Friedrich Wilhelm war von dem glänzenden Gefäß angetan. Schon war sie gekauft, zur Sinnesfreude seiner jungen, kürzlich angetrauten zweiten Frau, der Gräfin von Harrach, für die er gerade das Schloss Charlottenburg herrichten ließ. Für den Park dort kam die Schale wie gerufen. Doch der König war nicht der einzige Interessent. Er hatte sie dem englischen Gesandten vor der Nase weggeschnappt. Was dieser, der Duke of Devonshire, nicht auf sich sitzen ließ. Er bestellte bei dem Steinmetz eine eigene Schale, eine größere. Was dem König gesteckt wurde. Der nun eine noch größere wollte: „Das größte Produkt der Art soll im Lande bleiben.“ Immer größer sollte es werden. Im Wechselspiel erhöhten König und Künstler ihre Vorstellungen, Hofarchitekt Karl Friedrich Schinkel erhöhte mit, der Granitstein wurde zur nationalen Sache erklärt, was bald auch Goethe auf den Plan rief. Das Ganze wuchs zu einem Titanenstück heran, mit einem berühmten Werk der Antike als Messlatte. Die Berliner staunten Bauklötze. Am Ende stand das „Weltwunder des Biedermeier“.
Es galt, den römischen Kaiser Nero zu übertreffen
Der Steinmetz, Gottlieb Cantian, sah sich herausgefordert, las aus dem königlichen Auftrag den Wunsch nach einem nie dagewesenen Stück. Referenz sollte die bis dahin weltgrößte Steinschale aus dem „Goldenen Haus“ des römischen Kaisers Nero sein, die inzwischen im Vatikan gelandet war. Aus Porphyr war sie, eine Art Granit. Eine bekannte Sehenswürdigkeit als Station auf der „Grand Tour“ der gebildeten Stände, im Durchmesser 4,70 Meter. Was es zu übertreffen galt. Cantian zum König: Er kenne einen Stein bei Oderberg, der „wohl eine Schale von 17 Fuß Durchmesser“ (gut fünf Meter) ergäbe, also „ansehnlicher ausfiele als die Porphyrschale im Vatikan“.
Auch des Königs Lieblingsarchitekt Karl Friedrich Schinkel schaltete sich ein. Der baute gerade das Alte Museum am Lustgarten, das klassischste Werk des deutschen Klassizismus. Und da sollte doch ein Stück, das jene Ikone aus der römischen Hochklassik übertraf, nur allzu trefflich hineinpassen. Schinkel drängte, dass die Schale als besonderes Glanzstück „einen passenden Aufstellungsort in dem großen runden Saale des hiesigen Museums finden möchte“. Wenn auch bereits ahnend, dass es logistische Probleme geben könnte. Die Eingänge, bei all ihrer Stattlichkeit, könnten zu eng sein. Er meinte aber auch, „daß sehr leicht durch Offenlassen von zwei Kellergewölben der Türöffnungen zur Rotunde solche Höhe gegeben werden kann, um die Schale in die Rotunde zu bringen“.
Cantian, vom Eifer beseelt, sah dies als Aufforderung, noch größer zu denken. Im Frühjahr 1827 hatte er einen weiteren Findling entdeckt, in den Rauener Bergen bei Fürstenwalde, der das Maß noch erheblich steigern könnte: den größeren der zwei „Markgrafensteine“. Beide waren sie die größten Findlinge ganz Deutschlands. So genannt, weil laut einer Legende bei ihnen der „Falsche Woldemar“ begraben sein sollte, jener Hochstapler, der sich im 14. Jahrhundert zum Markgrafen heraufschummelte. Auf 15.000 Zentner Gewicht wurde der Stein geschätzt
Nun also ging es um sieben Meter Durchmesser Cantian bat dafür um Genehmigung. Schinkel unterstützte ihn beim König: „Es ist die Merkwürdigkeit einer solchen Größe wohl immer die Hauptrücksicht; es findet sich nirgends in der Welt eine ähnliche Schale von dieser Kolossalität.“ Friedrich Wilhelm gab sein Plazet.
Ganz Preußen wurde nun abgefragt nach schwerem Gerät, um dem Koloss zu Leibe zu rücken. In Remscheid im äußersten Westen fanden sich zehn starke Winden, um ihn erst mal auf die Seite zu legen und in drei Teile zu spalten. Aus dem mittleren konnte er so eine Platte in passender Stärke gewinnen, die zunächst vor Ort grob in Form gebracht wurde. Die Berliner Zeitungen berichteten, die Spannung stieg.
Goethe übersah die Sturm- und Drangkräfte der Eiszeit
Indessen verstärkte Cantians Arbeit die gerade in jenen Jahren sowieso enorm anwachsende Verehrung des besonderen Materials. Seine Härte, sein Gewicht, seine Aura der Ewigkeit machten Granit im preußisch-deutschen Schwarmgeist der Restaurationsjahre zum „vaterländischen“ Stein. Er avancierte zum Kultmaterial schlechthin, unterstützt auch von Goethe. Für ihn war Granit einfach „das Höchste und das Tiefste jeder Gebirgsart“. Im Streit der „Plutonisten“ gegen die „Vulkanisten“ darüber, ob die Findlinge in den Tiefen der deutschen Scholle entstanden oder in der Eiszeit aus skandinavischen Welten herangeschoben worden seien, setzte Goethe auf die deutsche Urheimat. „Mir mache man nicht weis, daß der Markgrafenstein bei Fürstenwalde weit hergekommen sei. An Ort und Stelle ist er liegengeblieben“, schrieb er. Per Ferndiagnose, vom Hörensagen wohlgemerkt, mit offenherziger Begründung: „Glücklich würden wir uns schätzen, wenn Granit hier wirklich in seiner Urlage entstehend gefunden würde, und wir uns der bescheidenen Auflösung eines bisher allzu stürmisch behandelten wichtigen geologischen Problems näher geführt sähen.“ Goethe lag falsch, wie sich später herausstellte – weit unterschätzend der Eiszeit Sturm- und Drangkräfte.
Cantian und seiner Armee der Steineklopfer konnte das egal sein. Last und Härte des Granits waren ihnen so oder so gegeben. Ständig mussten Schmiede ihre Meißel und Pickel schärfen. Ein Jahr später, im September 1828, war die Schalenform grob erkennbar. 75 Tonnen wog das Monstrum noch, als man es nun in wochenlanger Arbeit die vier Kilometer zur Spree hinunterzerrte, in einen Holzrahmen gefasst, auf Rollen in einer eigens durch den Wald geschlagenen und planierten Schneise. Die Anzahl Schaulustiger, auch aus dem fernen Berlin, erhöhte sich täglich. Die Winden aus Remscheid waren im Dauereinsatz. Auf der Spree, bei Fürstenwalde, ging es hinunter auf einen Lastkahn, der durch ein Gerüst hatte verstärkt werden müssen. In Berlin dann, im November 1828, wieder hinauf in ein Haus am Alten Packhof, gegenüber dem heutigen Auswärtigen Amt.
Am Ende war sie dreimal so teuer wie vereinbart
Dort wurde die Schale geschliffen und poliert, mit Dampfkraft. Sie blieb Stadtgespräch. Erneut zeigte sich Goethe – wieder vom Hörensagen – begeistert über die Arbeit am Granit, lobte sie als außerordentliche Verbindung von Natur und menschlicher Kunstfertigkeit. Während aber Cantian nun zweieinhalb Jahre lang an dem „Weltwunder“ immer feiner schliff, schmirgelte und schmierte, häuften sich für Schinkel die Probleme. Der musste die Steinmetze ein ums andere Mal anmahnen, endlich fertig zu werden, weil er genau am Alten Packhof den Bau der neuen Berliner Bauakademie plante, in der er schließlich eine 1000-Quadratmeter-Dienstwohnung beziehen wollte. Zum anderen sah nun auch er ein, dass die Granitschale in seinem Museum doch fehl am Platz wäre. Zu groß, zu schwer, zu dominant. Die Schale würde „den schönsten Raum des Gebäudes, die Rotunde, in seiner architektonischen Wirkung zugrunde richten“, schrieb Schinkel an Friedrich Wilhelm. Sie könne auch nur senkrecht ins Haus transportiert werden, und da sei die Gefahr zu groß, dass sie umstürze und mit ihren 75 Tonnen den Neubau in Trümmer lege. Sein Vorschlag: Das „kolossale Gefäss würde vor der großen Treppe des Museums im Lustgarten eine ungemeine Zierde für den Platz und den Eingang des Gebäudes abgeben“. Er hoffe, „Eure Königliche Majestät“ werde „meiner alleruntertänigsten Bitte zum Besten der Sache“ zustimmen.
Schinkels Wunsch ging in Erfüllung. Im November 1831 wurde die Schale im Lustgarten aufgestellt. Ganz Berlin schaute zu. Der König musste tief in die Tasche greifen. Statt 12.000 Talern wie ursprünglich veranschlagt, belief sich Cantians Rechnung nun insgesamt auf 37.904 Taler. Der zeitgenössische Maler Johann Erdmann Hummel (1769–1852) hat die Schale von der Anfertigung bis zur Aufstellung in ihrer ursprünglichen Pracht und Umgebung der Nachwelt erhalten. Der Rest des großen sowie der kleinen Markgrafensteine sind noch in den Rauener Bergen zu besichtigen.
