Berliner Zeitung vom 07.07.2026 von Oliver Weinlein
Er hat den Kaiser überlebt, zwei Weltkriege und die DDR – nur gegen eines war Martin Luther bislang machtlos: gegen das Übersehenwerden. Seit 1989 steht der bronzene Reformator an der Marienkirche in Mitte, zwischen Fernsehturm und Rotem Rathaus, und die Touristenströme ziehen achtlos an ihm vorbei.
Damit soll bald Schluss sein. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hat am Dienstag den Siegerentwurf für die Aufwertung des Lutherdenkmals vorgestellt. Erklärtes Ziel des europaweiten Wettbewerbs: „die stärkere Sichtbarmachung des Denkmals im städtischen Kontext“.
Sitzbank, Sockel, Infostele: Das ist für Luther geplant
Den Zuschlag erhielt das Planungsbüro BASD – Gerhard Schlotter und Claudia Kruschel-Bücker Architekten, gemeinsam mit den Künstlern Maria Vill und David Mannstein. Ihr Entwurf sieht die Restaurierung der Lutherfigur vor, dazu einen neuen Natursteinsockel, eine umlaufende Sitzbank und eine Informationsstele.
Künftig kann sich Berlin also zu Luthers Füßen niederlassen. Das lässt sich der Senat einiges kosten: Bis zu 1,5 Millionen Euro stehen für das Denkmal bereit, weitere 2,4 Millionen für die Gestaltung des Umfelds samt neuer Bäume.
Das Geld kommt aus dem Städtebauförderprogramm „Lebendige Zentren und Quartiere“. Umsetzen wird das Projekt die landeseigene Grün Berlin GmbH – im Rahmen der bereits laufenden Neugestaltung von Rathausforum und Marx-Engels-Forum. Der Reformator und die Revolutionäre werden also in einem Aufwasch aufgehübscht.
1895 prunkvoll, heute allein: Die Geschichte des Denkmals
Dabei war Luther einmal bestens umsorgt. Das Denkmal entstand 1895 auf dem Neuen Markt als repräsentatives Reformationsdenkmal nach einem Entwurf von Paul Otto, nach dessen Tod vollendet von Robert Toberentz. Auf einem erhöhten Sockel umringten weitere Reformatoren die zentrale Figur.
Im Zweiten Weltkrieg gingen die Platzanlage und die meisten Begleitfiguren verloren. Erst 1989 wurde die Lutherfigur nahe der Marienkirche wieder aufgestellt – als das, was die Senatsverwaltung heute nüchtern ein „isoliertes Fragment“ nennt.
Wann alles fertig ist? Das verrät der Senat nicht
Einen Fertigstellungstermin nannte die Verwaltung übrigens nicht. Für Berliner Verhältnisse ist das fast schon ehrlich.
Luther dürfte es verschmerzen. Geduldiges Ausharren ist schließlich seine Kernkompetenz, frei nach seinem berühmtesten Satz: Hier stehe ich, ich kann nicht anders.
