Debatte zur Finanzierung der Hauptstadtkultur
Tagesspiegel.de vom 17.09.2026 von Rüdiger Schaper
Kurz vor der Berlin-Wahl gibt es ein neues Abkommen: Der Bund unterstützt die großen etablierten Einrichtungen. Kleinere Häuser und Festivals sorgen sich um ihre Zukunft. Von Stand: Sie nutzen Google? Sie können sich Artikel des Tagesspiegels in der Google-Suche nun bevorzugt anzeigen lassen. Mehr erfahren oder direkt aktivieren.
Da werden jetzt Weichen für die nächsten zehn Jahre gestellt. Bis 2037 läuft der neue Hauptstadtfinanzierungsvertrag, der überraschend noch vor der Berliner Wahl in dieser Woche unterzeichnet wurde. Auf der Berliner Seite wurde das Abkommen im Wesentlichen von Finanz- und Kultursenator Stefan Evers ausgehandelt. Was dabei für die Kultur der Hauptstadt herausgekommen ist, passt ins konservative Bild des CDU-Spitzenkandidaten. Es trägt vor allem aber das Signum von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer.
Die Klassik-Szene steht im Vordergrund. Der Bund wird sich vor allem bei der Opernstiftung und dort besonders bei der Staatsoper stärker einbringen. Das kommt der Staatskapelle und der Barenboim-Said-Akademie zugute und setzt die vom ersten Kulturstaatsminister Michael Naumann begründete Tradition fort.
Zusätzlich gibt der Bund mehr Geld für die Berliner Philharmoniker. Für Wolfram Weimer gehört das Orchester zu „jenen kulturellen Juwelen, die weit über Berlin hinaus leuchten und vielfach auch Deutschland in der Welt repräsentieren“. Weimer pflegt diese blumige Sprache. Bei einer Veranstaltung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat er die Staatlichen Museen einmal als „Schatzkästlein“ bezeichnet.
Einsatz für das Bauhaus
Hervorzuheben ist Weimers Einsatz für das Archiv. Man kann in diesen Zeiten nur zustimmen, wenn er sagt: „Wir stärken das Bauhaus von allen Seiten und schützen seine Errungenschaften gegen rechte Anfeindungen.“ Weimer verweist auf die steigende Zahl der Unterstützer des Bauhaus-Manifests und unterstreicht, „wie bedeutend das Bauhaus für unsere offene und freiheitliche Gesellschaft ist.“
Scharf kritisiert wird das Abkommen vom Berliner Rat für die Künste: „Dieser Vertrag wird weder der Berliner Kunst- und Kulturszene noch einer internationalen Kulturmetropole gerecht.“ Die Unterzeichnung, heißt es in der Erklärung, habe „verheerende Auswirkungen auf eine ganze Dekade Berliner Kulturförderung“.
Das ist stark übertrieben. Aber es trifft zu, dass der Bund an der falschen Stelle geizt. Es geht um den Hauptstadtkulturfonds von jährlich 15 Millionen Euro. Die Summe bleibt allerdings erhalten, weil Berlin die Kürzungen des Bundes auffängt. Aber es ist kein gutes Signal.
Werden die Großen gegen die Kleinen ausgespielt?
Der Hauptstadtkulturfonds finanziert zahlreiche Festivals und Sonderprojekte zwischen der Freien Szene und den etablierten Einrichtungen. Er ist eines der wichtigsten Instrumente der Kulturpolitik. Wenn der Kulturpolitiker im Kanzleramt hier streicht und nach der langjährigen Erfolgsgeschichte der Förderung nicht erhöht, wirkt das kleinlich und kurzsichtig. Den Fehler hat vor dem parteilos-konservativen Weimer schon die grüne Kulturstaatsministerin Claudia Roth gemacht, als sie diverse Fonds für die Freie Szene zusammenkürzte. Das wurde allerdings nach massiven Protesten korrigiert.
Der dickste Brocken aus dem Bundesetat, 225 Millionen Euro, entfällt auf die geplante Sanierung der Philharmonie. Das klingt nach einer großen Summe, tatsächlich werden die Kosten für die teuren Denkmalschutz-Baumaßnahmen und den Umzug des Orchesters auf 1,2 Milliarden Euro geschätzt, jetzt schon. Da wird der Bund mehr tun müssen, das schafft das Land Berlin nicht.
Insgesamt ergibt sich ein durchaus gemischter Eindruck. Der Bund beteiligt sich am Ausbau eines Erinnerungsortes am Checkpoint Charlie. Gestärkt gehen die Berliner Festspiele aus den Verhandlungen hervor. Das Internationale Literaturfestival kommt unter ihr Dach, wo es faktisch schon seit Jahren arbeitet.
Wichtiger ist – und etwas kompliziert in den Strukturen –, dass die sogenannte Förderschiene für „publikumsstarke Sonderausstellungen“ dem Gropius Bau zugeordnet wird. Das eröffnet dort Perspektiven, während diese Umverteilung der zuletzt so erfolgreichen Berlinischen Galerie große Probleme bereitet. Ihr Direktor Thomas Köhler befürchtet, dass die Berlinische Galerie in Zukunft keinen Antrag mehr stellen kann und große Ausstellungsprojekte damit unmöglich werden.
Auch das Festival Tanz im August muss offenbar um seinen Weiterbestand fürchten. „Die vorgesehene Finanzierung ab 2028 wird bei Weitem nicht ausreichen, um die bisherige Qualität und internationale Ausstrahlung des Festivals zu erhalten“, erklärt Annemie Vanackere, die Intendantin des Hebbel am Ufer, wo der Tanz nicht nur im August zu Hause ist. In jedem Fall gibt es noch Klärungsbedarf, was die neuen Verfahrensregeln und ihre Auswirkungen betrifft.
Der Bund wird allerdings nie alle Löcher im Berliner Haushalt stopfen können, ebenso wenig, wie Berlin sämtliche Erwartungen der Freien Szene erfüllen kann. Sie ist eben auch frei und nicht grundsätzlich institutionalisiert, was ihrem Charakter widerspräche.
Wo sind die engagierten Kulturpolitiker?
Jetzt vor der Wahl sieht man noch etwas anderes sehr deutlich: Es gibt ein gravierendes Personalproblem. Nicht nur die Spitzenpositionen der Parteien bereiten Probleme, auch die Berliner Kulturpolitik leidet an Schwund. Es ist symptomatisch und alarmierend für den gesamten Politikbetrieb. Daniel Wesener von den Grünen, ein ausgewiesener Finanz- und Kulturexperte, kandidiert nicht mehr für das Abgeordnetenhaus. Zuletzt hat Wesener im Ausschuss zur Fördermittelaffäre eine wichtige Rolle gespielt. Klaus Lederer war ein beliebter und engagierter Kultursenator der Linken. Er trat 2024 aus der Partei aus. Die CDU hat ihre große Kulturexpertin Monika Grütters immer wieder ausgebremst und ins Abseits gestellt. In der SPD gibt es kaum auffällige kulturpolitische Expertise.
Die große Frage ist, wer sich in Zukunft in Senat und Abgeordnetenhaus um die Kultur in Berlin kümmern wird, als Gegenüber eines Wolfram Weimer, der seine Prioritäten konsequent durchsetzt, wie es der neue Hauptstadtfinanzierungsvertrag dokumentiert. Der Bund enttäuscht, der Bund hilft. Da geht immer mehr. Die entscheidenden Fragen aber landen in der Berliner Landespolitik. Die Kulturhoheit liegt beim Land, wobei die Hauptstadt natürlich einen Sonderstatus hat. Nirgendwo in Deutschland gibt der Bund so viel Geld für Kultur wie in Berlin.
Was immer passiert, wird international stark wahrgenommen, wie sich bei den einschneidenden Etatkürzungen oder zuletzt auch beim Eklat um das Volksbad am Rosa-Luxemburg-Platz gezeigt hat. Ob eine Expo kommt oder nicht – Berlins Kultur steht stets im Schaufenster.
