Schöner bauen, das geht doch! Mit guten Ideen und kleinen Maßnahmen, die viel bringen und relativ wenig kosten, lassen sich Wohnhäuser deutlich aufwerten. Das lohnt sich nicht nur optisch.
FAZ vom 19.09.2026 von Anne-Christin Sievers
Quadratisch, eintönig, unsinnlich: Viele Neubaugebiete, die in den vergangenen Jahren am Rand deutscher Großstädte aus dem Boden gestampft wurden, bieten nicht gerade den attraktivsten Anblick. Immergleiche Reihen aus charakterlosen Klötzchen in Weiß, Grau und Schwarz, so weit das Auge reicht. In all den Diskussionen darüber, wie sich hohe Mieten und Wohnraummangel durch den Bauturbo beseitigen lassen, und das möglichst energieeffizient und klimaneutral, gerät ein Thema leicht aus dem Blick: das Schöne.
Für die einen ist es Geschmackssache, Trends unterworfen und liegt ohnehin im Auge des Betrachters. Dennoch sind sich die meisten einig, dass sie den Jugendstilaltbau mit bunten Glasfenstern, Ziersteinen und Erkern einer engen Wohnung im Plattenbau vorziehen. Die anderen sehen „schöne“ Architektur als Luxus für eine Klientel mit nötigem Kleingeld. Oder als nachrangiges Ziel, dem sich der Wohnungsbau erst stärker widmen kann, wenn die handfesten Probleme bewältigt sind.
Ästhetik ist ein weites Feld. Vielleicht lässt sich so viel sagen: Sie fragt nach dem richtigen Maß, nach stimmigen Proportionen, die einzelne Elemente in ein Gleichgewicht, einen harmonischen Gesamtzusammenhang bringen. In der Welt des Bauens nimmt sie die Qualität von Form, Raum und Material des Bauwerks und seinen Bezug zum Mensch und zur Umwelt in den Blick.
Doch offenbar tut sich etwas in der Diskussion darüber, wie schönes Bauen gelingt, nicht nur für avantgardistische Prestigeprojekte, auch für die breite Masse im Wohnungsbau. So konstatierte der Architekturtheoretiker Albert Kirchengast kürzlich in dieser Zeitung: „Die Debatte um die Schönheit ist zurück. Architekturkritiker debattieren darüber, was heute gute Baukunst sei.“ Und der Siegener Bautag 2025 plädierte dafür, neben dem funktional-technischen auch dem gestalterischen Aspekt von Fassaden wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken – und damit das sinnliche Erleben in den Fokus zu rücken.
Doch wie sieht es in der Praxis aus? Wie halten es Architekten, Projektentwickler, Wohnungsbaugesellschaften mit dem Schönen? „Wir legen großen Wert auf qualitativ hochwertige Materialien und eine ansprechende Optik, etwa der Fassade“, sagt Jan Philip Unger, Geschäftsführer der Karl Ludwig Projektentwicklungsgesellschaft (KLP) aus Hamburg. „Die Visitenkarte des Hauses ist für uns das Entree, ein gepflegter Vorgarten und schöner Eingangsbereich.“ Die KLP baut neu und im Bestand, ihr Fokus liegt auf dem Miet-Geschosswohnungsbau.
Dahinter steht die KLH Gebhardt Grundstücksverwaltung, aus der die KLP kürzlich als Ausgründung hervorging. Da diese seit mehr als 70 Jahren besteht, fertige Gebäude selbst vermietet und in langen Zyklen denkt, lohnen sich Investitionen, die auf den ersten Blick teurer erscheinen. So baut der Projektentwickler mit den für die Region typischen massiven Klinkersteinen, statt nur dünne Klinkerriemchen auf Fassaden zu kleben. Oft steht vor dem Hauseingang ein verglaster Quader aus Marmor als Entree, in dem Klingeln und Briefkästen untergebracht sind.
Möglichkeiten, die Fassade zu verschönern, gibt es viele: vom neuen Anstrich, stilvollen Fensterbänken und -läden sowie Tür- und Fensterumrahmungen über Gesimse und Sockelplatten bis hin zu Ziersteinen und Säulen. Je nach Charakter des Hauses fallen sie klassisch-traditionell oder gradlinig-modern aus. Neben der Optik können diese kleinen Maßnahmen den Preis der Immobilie deutlich steigern, im Verkauf wie in der Vermietung.
„Wir denken, dass wir durch den gestalterischen Anspruch gleichzeitig zahlungskräftige Mieter anziehen, die das Besondere zu schätzen wissen, pfleglich damit umgehen, sich wohlfühlen und langfristig hier bleiben“, erläutert Unger. „Das führt zu geringerer Fluktuation und senkt die Verwaltungskosten, die durch Mieterwechsel entstehen.“
Statuiert ein Haus im Viertel ein ästhetisches Exempel, wertet es seine Umgebung mit auf. Vielleicht findet es Nachahmer und macht mit der Zeit die Mikrolage interessanter, die nun ein finanzstärkeres Publikum anspricht. Dies hebt auf lange Sicht den Mietspiegel und erlaubt es Vermietern, die Miete im gesetzlichen Rahmen zu erhöhen. So lässt sich ästhetischer Mehrwert mit wenig finanziellem Aufwand in ökonomischen überführen.
Wer auf die Suche nach dem Schönen im aktuellen Wohnbau geht, stößt auch auf das Büro Hild und K aus München. Für Aufsehen sorgten Andreas Hild und seine Kollegen etwa 2020 mit dem Flagship-Store „FC Bayern Welt“ in der Münchner Altstadt, das als Comeback des Ornaments gefeiert wurde. Die Fassade ziert ein schmuckvolles, dreidimensionales Sgraffito in Ziegelrot, Rußschwarz und Kalkgrau, für das verschiedenfarbige Putzschichten übereinander aufgetragen und partiell wieder abgekratzt wurden. So gelang es, eine alte Zeichnung des stuckverzierten Hauses von 1872, das einst an dieser Stelle stand, neu zu interpretieren, anstatt es bloß zu rekonstruieren.
„Fassaden sind nicht oberflächlich. Sie definieren und charakterisieren den öffentlichen Raum, schaffen als ‚Gesichter der Stadt‘ Atmosphäre und Identität“, lässt sich Büropartner Matthias Haber, der zudem ein Buch zur ästhetischen Bedeutung des Sockels verfasste, zitieren. Dies beherzigten die Architekten auch bei ihrem Entwurf für das „Übernachtungsschutz“-Gebäude Lotte-Branz-Straße in München, das 2024 als eines der größten Obdachlosenzentren des Landes eröffnete. Statt eines gesichtslosen Containerbaus, wie im Gewerbegebiet des Münchner Nordens erwartbar, schufen sie eine „Heimat auf Zeit“ für Schutzsuchende, die hohen ästhetischen Ansprüchen genügt und einen Akzent im Stadtbild setzt.
In serieller, kosten- und zeiteffizienter Bauweise entstand ein robuster Sockel aus Betonfertigteilen mit einer aufgehenden Fassade aus ziegelrot gestrichenen, vorgefertigten Holzrahmenelementen. Die „Bordüre“ aus kunstvoll profilierten Brettern unterhalb der Attika erinnert an Textiles und inszeniert die Hülle als schmückende Bekleidung. Durch seine kammartige Struktur wird das Gebäude in verschiedene Blöcke geteilt, die einzelne geschützte Höfe schaffen. Als Übernachtungsgast in schönen Räumen empfangen zu werden, zollt den Menschen Respekt und gibt ihnen einen Teil der Würde zurück, die sie im Leben auf der Straße jeden Tag gegenüber Ignoranz und Anfeindungen verteidigen müssen.
Dass eine optisch ansprechende Gestaltung im Bau nicht exorbitant teuer sein muss und sich selbst unter widrigen Umständen realisieren lässt, zeigt auch das Quartier „Bunte Mischung“ in Nürnberg. Das 2024 fertiggestellte Viertel mit 381 Wohnungen, knapp die Hälfte davon gefördert, hat das Architektenbüro Behles & Jochimsen für das Siedlungswerk Nürnberg geplant. Dabei liegt das einst bewaldete Areal am östlichen Stadtrand nicht gerade günstig – eingezwängt zwischen Bahntrasse und stark befahrenen, lauten Straßen.
Um das Wohnumfeld trotzdem attraktiv zu gestalten, setzten die Planer neben Lärmschutz auf das Konzept der „kontrollierten Buntheit und Vielfalt“. Die Häuser ließen sie in kräftigen, aufeinander abgestimmten Bonbonfarben erstrahlen. Breite, helle Faschen umranden die kleinen, bunten Fenster, die so optisch größer wirken. Um das Fassadenmuster zu beleben, wurden die Fenster der Treppenhäuser spielerisch verteilt. Verschiedene Höhen und Knicke im Grundriss betonen die Eigenständigkeit der verschiedenen Haustypen. Obwohl sich Grundrisse und Standards im Inneren ähneln, variiert das Äußere stark. Die Bewohner können sagen: „Ich wohne im gelben Haus“, und sich so besser mit ihren vier Wänden und der Umgebung identifizieren.
Wert auf die Optik zu legen, hat noch einen weiteren Vorteil: „Wer ein gutes Konzept vorlegt, das lokal ins Viertel passt und etwas Prägendes für Bewohner wie Umfeld schafft, erhält auch mehr Rückhalt von der Stadtplanung bei der Umsetzung“, sagt Unger. Schließlich profitiert die Stadt ebenfalls von ansehnlichen Bauten.
Gute Gestaltung macht nicht an der Haustür halt. Für den Innenraum hat der Immobilienkaufmann einen Tipp parat: „Wir streichen allein aus praktischen Gründen das Treppenhaus nie komplett weiß, wie man es oft sieht“, erzählt Unger. Schon nach kurzer Zeit ist die Wand unten mit hässlichen, schwarzen Streifen besudelt. „Meistens nutzen wir eine Wischtechnik mit drei Farben, von unten dunkler und nach oben heller.“ Oder sie wählen gemusterte, abwaschbare Fliesen. Ein Boden aus robustem Stein, der viele Jahre unbeschadet überdauert, und verzierte Handläufe runden das Bild ab.
In der Wohnung bietet Stuck eine kleine, relativ günstige Maßnahme, die optisch und monetär den größten Hebel hat – vorausgesetzt die Decke ist hoch genug: „Jeder findet das gut, und es ist schnell umgesetzt“, sagt Unger. Bei niedrigen Neubauten arbeitet das Unternehmen mit Kassettendecken, durch die indirektes Licht scheint. Auch stilvolle Türen, Griffe und Möbelknäufe lassen das Zuhause hochwertiger erscheinen.
Die Beispiele zeigen: schön Bauen geht doch! Warum bleibt es trotzdem oft die Ausnahme? Unter anderem weil die Anreizstruktur vieler Projektentwickler Ästhetik nicht auf der Rechnung hat. Ihr Geschäftsmodell beruht darauf, schnell und günstig zu bauen, möglichst teuer zu verkaufen und den Gewinn zu maximieren. Dass die Wahl dabei nicht bevorzugt auf qualitativ hochwertige, möglichst langlebige Materialien fällt, verwundert wenig. Nach fünf Jahren endet grundsätzlich die Haftung, wie das Gebäude heute und in zehn Jahren aussieht, muss nicht ihre Sorge sein. Wer hingegen andere Anreize schaffen kann, sind die Städte, wenn sie die Vergabe von Baurecht stärker an ästhetische Kriterien knüpfen.
