Petra Kahlfeldt blickt auf fünf Jahre als Senatsbaudirektorin zurück. Im Interview spricht sie über Kontroversen, Projekte und ihren Neuanfang.
Berliner Morgenpost vom 12.10.2026 von Isabell Jürgens
Fast fünf Jahre lang hat Petra Kahlfeldt als Senatsbaudirektorin das Gesicht Berlins mitgeprägt. Ihr Start war holprig: Noch vor ihrem Amtsantritt gab es heftige Proteste gegen ihre Ernennung. Jetzt verlässt sie das Amt. Im Gespräch mit der Berliner Morgenpost blickt die 66-Jährige auf ihre Zeit zurück. Sie spricht über Kritik und Rückhalt, über SEZ, Molkenmarkt und Checkpoint Charlie und darüber, was ihre Nachfolge zuerst anpacken muss.
Frau Kahlfeldt, Ihr Start als Baudirektorin war alles andere als harmonisch. Bevor Sie überhaupt im Amt waren, haben über 450 Architekten einen offenen Brief geschrieben und Ihre Ernennung scharf kritisiert. Hat Sie das gekränkt?
Petra Kahlfeldt: Konstruktive Kritik nehme ich an. Persönliche Angriffe sind etwas anderes. Beim Brief ging es aber zuerst gar nicht um mich, sondern um das Berufungsverfahren und darum, wie die Öffentlichkeit stärker beteiligt werden kann. Viele Kolleginnen aus großen Büros haben mich später angerufen und gesagt: „Wir haben nicht gegen dich unterschrieben.“
Es gab aber durchaus nicht nur Kritik am Berufungsverfahren. Sie wurden auch als ungeeignet für die aktuellen Herausforderungen bezeichnet, weil sie für „die Wiederkehr der Baupolitik der 1990er- Jahre“, „die Realisierung von Villen und Luxuswohnanlagen“ stehen und „konservativen Kreisen“ zuzurechnen sind, die sich für die Rekonstruktion der Stadt nach historischem Muster einsetzen.
Natürlich hat es mich getroffen, aber ich habe auch ein dickes Fell. Wer das sagt, schaut halt nicht genau hin, was wer in unserem Architekturbüro macht: Ich habe mich im Schwerpunkt um den baulichen Bestand und seine Weiterentwicklung gekümmert. Einzelne Architekten fürchteten offenbar, keine Aufträge mehr zu bekommen, wenn ich Senatsbaudirektorin werde. Ich glaube, ich konnte zeigen, dass ich die Verfahren äußerst kollegial und neutral aufsetze. Mein Blick ist auf Inhalte ausgerichtet, auf das, was Stadtentwicklung und qualitätsvolles Bauen heißt, und das besonders in dem Wissen, dass Wohnraum fehlt – also auf die Sach- und Fachfragen ausgerichtet statt auf meine Person.
Wenn sich die Kritik zuallererst gegen das Berufungsverfahren richtete: Was ist denn Ihre Meinung, sollte Ihr Nachfolger, Ihre Nachfolgerin in einem transparenten Verfahren mit Öffentlichkeitsbeteiligung gefunden werden?
Aktuell ernennt der Senat auf Vorschlag des zuständigen Senators oder der Senatorin die Staatssekretäre, das ist die Gesetzeslage. Die Position der Senatsbaudirektorin wurde in den 1990er-Jahren mit der Staatssekretärsposition verknüpft, um ihr mehr Gewicht in der Verwaltung zu verschaffen. Hans Stimmann hatte den Status als Staatssekretär gewollt, in einer ganz besonderen Zeit des Zusammenwachsens der Stadt. Als Staatssekretärin gehört man zur politischen Hausleitung und ist demgemäß an Wahlperioden gebunden. Stadtentwicklung ist ein langer Prozess, deshalb wäre eine legislaturübergreifende Position vielleicht sinnvoller. Hamburg ist ein Vorbild, aber auch Brüssel oder München.
Auf Schwarz-Rot folgt jetzt voraussichtlich ein rot-grün-roter Senat. Wird die neue Regierung viele Ihrer Entscheidungen wieder rückgängig machen?
Planungs- und Baurecht bilden eine fest verankerte gesetzliche Grundlage. Die vom Abgeordnetenhaus beschlossenen Bebauungspläne sind Gesetz und lassen sich nicht einfach aufknüpfen. Ich vertraue auf die Expertise und Fachlichkeit der nachfolgenden Kolleginnen.
Für den geplanten 167 Meter hohen Wohnturm mit 1000 Wohnungen an der Rudolfstraße in Friedrichshain gibt es aber noch kein Baurecht. Glauben Sie, er hat unter einer rot-grün-roten Regierung noch eine Chance?
Ich denke, er hat eine Zukunft. Wir hatten das Projekt aufgrund des gesamtstädtischen Interesses an uns gezogen, weil wir die Aufgabe haben, in diesem angespannten Wohnungsmarkt Wohnungen zu schaffen. Und wir haben dieses Projekt nach bestem Wissen und Gewissen entwickelt. Es liegt ein sehr schöner Entwurf vor – ich würde mir das wünschen, dass dieses Bauvorhaben weiterkommt. Auch das RAW-Gelände haben wir übrigens nach Jahrzehnten verhärteter Fronten zu einem guten Abschluss gebracht.
Und der ebenso umstrittene Bau von rund 500 Wohnungen auf dem SEZ-Areal?
2018 wurde der Bebauungsplan festgesetzt, übrigens von einem rot-rot-grünen Senat. Danach sollten dort Wohnungsbau und ein Schulneubau entstehen. Wenn wir den Beschluss über ein Jahrzehnt nicht umsetzen, kommen wir als Verwaltung unserem Auftrag nicht nach, und das kostet viel Zeit und noch mehr Geld. Ein Freizeitbad können wir uns nicht leisten, schon wegen der Betriebs- und Unterhaltungskosten. Da muss man sich auch mal ehrlich machen.
Beim Quartier Molkenmarkt in Berlins historischer Mitte sind Sie schon weiter, da hat das Abgeordnetenhaus für die Blöcke A und B die Änderung des Bebauungsplans beschlossen. Während Initiativen wie die Stiftung Mitte Berlin eine noch stärkere historische Rekonstruktion nach Vorkriegsvorbildern fordern, kritisieren andere Stimmen eine zu stark historisierende „Stein-Architektur“ auf Kosten eines modernen, sozial und ökologisch ausgerichteten Zukunftsquartiers.
Der Molkenmarkt ist meiner Ansicht nach das bedeutendste Stadtentwicklungsprojekt Berlins. Bisher monofunktional genutzte Verkehrs- und Freiflächen werden wieder zur Stadt. Das Interesse der Stadtgesellschaft an diesen Planungen ist selbstverständlich groß und auch, dass es dazu kontroverse Meinungen gibt. Der Molkenmarkt ist nicht nur eine Ansammlung von Häusern und Räumen, sondern er ist ein historisch besiedelter Ort, einer der Gründungsorte Berlins gegenüber dem Roten Rathaus.
Und ganz zu Recht haben dort sowohl die Vorgängerregierung als auch wir genau an diesem Projekt weitergearbeitet, um an dieser Stelle das Beste zu machen, was wir machen können: eine belebte Stadt, in der gewohnt und gearbeitet wird, Kultur in wirklich großem Maße stattfindet. Wo die Stadtgeschichte mit den archäologischen Grabungen erlebbar wird, wo eine Kita und eine Schule gebaut werden. Die Planungsergebnisse aus den Hochbauwettbewerben sind absolut überzeugend. Sie werden sehen, das Quartier wird alle überzeugen. Für die Aufwertung der historischen Mitte sind darüber hinaus Städtebaufördermittel für die Umsetzung unterschiedlichster Projekte für die nächsten 15 Jahre eingestellt worden. Ich hingegen bin ganz andere problematische Bereiche angegangen.
Welche Problemzonen meinen Sie?
Der Europaplatz, nördlich des Hauptbahnhofes, ist die Visitenkarte der Stadt und sah erbärmlich aus. Für den Südteil haben wir schon vor mehr als einem Jahr einen Freiraumwettbewerb durchgeführt, der jetzt in der Realisierung ist. Die ersten Bäume sind bereits gepflanzt. Für den Nordteil läuft ein weiterer Wettbewerb. 20 Jahre nach der Eröffnung des Hauptbahnhofes werden die neuen Lösungen hoffentlich bald sichtbar sein.
Wo sehen Sie weiteren Handlungsbedarf?
Unter den Linden. Seit fünfeinhalb Jahren fährt die neue U-Bahn, der Mittelstreifen ist aber noch immer nicht wieder hergerichtet worden. Berlin ist gut im Einrichten von Baustellen und sehr schlecht im Zurückbauen. Verkehrliche Belange, Denkmalpflege und Biodiversität mussten geklärt werden. Zwischenzeitlich waren sogar Nussbäume im Gespräch, weil diese besser mit Trockenperioden umgehen können. Das hätte uns aber niemand abgenommen. Jetzt kommen 155 robuste Silberlinden, die jetzt, in diesem Herbst, in die Erde kommen sollen. Sehr froh bin ich auch darüber, dass wir für die anstehende Gestaltung des Checkpoint Charlie als Erinnerungs- und Bildungsort eine der geschichtlichen Bedeutung des Platzes entsprechende Wettbewerbsarbeit mit dem 1. Preis küren konnten.
Der Siegerentwurf wurde im September präsentiert. Steht die Finanzierung?
Ja, das Geld ist eingestellt, Nutzer wird die Stiftung Berliner Mauer. Herausfordernd war die Komplexität der Entwurfsaufgabe, und dies nicht nur, weil zwei Bezirke und mehrere Hauptverwaltungen beteiligt waren. Wir haben im Wettbewerb die vielleicht emotionalste Arbeit ausgewählt. Sie macht den Ort als Erinnerungs- und Bildungsort ohne viele Erläuterungen erfahrbar. Ich freue mich auf die Umsetzung.
Was muss Ihre Nachfolge als Erstes angehen?
Die Wohnraumversorgung bleibt das dringendste Anliegen. Wir müssen den Neubau und die Qualifizierung des baulichen Bestands zusammen denken. Die Stadt wächst, und es gilt, die sozialen, ökologisch nachhaltigen und gestalterischen Anforderungen in Einklang zu bringen. Dazu gehört günstigeres, standardreduziertes Bauen mit deutlich kürzeren Planungs- und Genehmigungszeiten. Die Frage ist, ob es uns als Stadtgesellschaft gelingen wird, einen Konsens zu finden.
Welche Herausforderungen warten noch?
Die Internationale Bauausstellung (IBA) 2034–37 ist eine wunderbare Herausforderung. Die letzte IBA war vor 50 Jahren, und die Welt hat sich seitdem dreimal verwandelt. Um diese Aufgabe beneide ich tatsächlich meine Nachfolgerin oder meinen Nachfolger.
Was sind Ihre Zukunftspläne? Werden Sie sich aus dem Planungsgeschehen zurückziehen?
Städtebau und Architektur sind meine Lebensaufgabe. Zuerst werde ich einmal durchatmen und auf absehbare Zeit keine Verpflichtungen übernehmen. Das Amt braucht viel Energie. Ab 2027 sehe ich mich wieder arbeiten. Und dies sowohl im akademisch-theoretischen Bereich als auch im praktischen. Seit Jahren liegt ein Angebot für eine Gastprofessur in Mailand vor, das könnte ich mir gut vorstellen. Ein Stück weit bin ich froh, dass ich jetzt mehr Zeit für meine Interessen habe. Auf der anderen Seite lasse ich viele anspruchsvolle Planungsaufgaben zurück, so wie ich selbst Projekte von meiner Vorgängerin Regula Lüscher übernommen habe. Das schmerzt, ebenso der Abschied von den Kolleginnen und Kollegen. Ich gebe eine Position auf, die mich ausgefüllt hat. Ich gehe bereichert aus diesem Amt.
