Gute Stadtplanung fängt bei Brücken an. Doch Berlin geht mit ihnen stiefmütterlich um, beklagt der Architektenverein AIV.
Berliner Morgenpost von 26.07.2020 - von Isabell Jürgens

In der Bundeshauptstadt Berlin gibt es mehr als 1000 Brücken, 816 davon befinden sich in Landesbesitz. Doch während diese wichtigen Verbindungsbauwerke in früheren Zeiten aufwendig gestaltet und damit stadtbildprägend waren, sind viele dieser historischen Bauwerke in den vergangenen Jahrzehnten durch schmucklose Neubauten ersetzt worden. Viele dieser reinen Zweckbauten sind inzwischen so marode, dass sie ersetzt werden müssen. Diese Chance sollte man nutzen, finden Tobias Nöfer, Vorsitzender des Architekten- und Ingenieur-Vereins zu Berlin-Brandenburg (AIV) und Benedikt Goebel, AIV-Vorstandsmitglied. Statt neue „Betonmonster“ zu bauen, solle Berlin sich besser auf seine reichhaltige Brückenkultur besinnen, fordern sie.

 

Die Inselbrücke im Vorkriegszustand (1916). Heute fehlt der Gebäudeschmuck, dabei wurden Teile der steinernen Putten und der Obelisken sowie einen großen Muschelkalk-Sockel im Zuge der Sanierung in den Jahren 1999/2000 von Tauchern entdeckt und anschließend in einer Steinmetzwerkstatt in Spandau restauriert oder nachgearbeitet – allerdings nicht wieder an ihrem ursprünglichen Standort montiert.

„Brücken können nicht nur verbinden, sondern Stadträume beleben oder sogar neu entstehen lassen“, sagt Nöfer. Berlins aktuelle Brückenplanungen im Zentrum seien jedoch uninspiriert, autobahnartig und eines Stadtzentrums unwürdig, kritisiert der Planer. Deswegen müssten dringend stadtverträgliche Konzepte entwickelt werden, damit nicht weiter „Betonmonster“ gebaut werden, die einen guten Städtebau unmöglich machen.

Zwei Beispiele für fehlgeschlagene Brückenplanungen, die zu einem monströsen Autoverkehr und zu unmenschlichen Räumen geführt hätten, seien die Mühlendamm- und Gertraudenbrücke, die 1968, beziehungsweise 1978 entstanden sind. Bis heute zerschnitten sie den historischen Kern von Berlin und seien zu Symbolen eines verfehlten Städtebaus geworden. „Wie die baugleiche Elsenbrücke in Treptow sind sie mittlerweile baufällig und müssen erneuert werden – die Chance für einen Neuanfang“, so Nöfers Plädoyer.
Die Roßstraßenbrücke ist seit Ende 2019 gesperrt und soll von Grund auf instand gesetzt werden. Die denkmalgeschützte Bogenbrücke, die im Zuge des Straßenzugs Fischerinsel und Neue Roßstraße den Spreekanal überquert, war einst von steigenden Rössern flankiert. Wo die Rosse abgeblieben sind, ist unklar.

Ähnlich sieht es der Stadthistoriker Benedikt Goebel: „Hier darf es kein ,Weiter so!’ geben.
Das Klosterviertel, der Molkenmarkt und der Petriplatz gehören zum Gründungskern und werden gerade neu gestaltet. Eine innovative Brückenplanung kann hier Quartiere verbinden und so die verlorene Urbanität zurückkehren lassen“, schlägt er vor. Eine interessante Alternative wäre beispielsweise die Idee, die Mühlendammbrücke selbst wieder zu bebauen. „Genau 100 Jahre nach der Gründung von Groß-Berlin hat die Stadt die einmalige Chance, nicht wieder in die 1970er Jahre zu verfallen, sondern auch im Zentrum eine menschenfreundliche Metropole zu gestalten“, meint Goebel.

Als einen Grund für die Wiederholung verfehlter Brückenplanungen vermutet der AIV die Scheu der Verwaltungen, die sogenannten Kreuzungsverträge Wasser/Straße zu ändern, die für jede Kreuzung bestehen. Allein die selbst gemachten Verwaltungshürden machten schlechten Städtebau der Vergangenheit schon irreparabel. „Zudem kommunizieren die zuständigen Verwaltungen nicht miteinander. Stadtentwicklung, Verkehr und Finanzen müssten mal wieder an einem Strang ziehen. Schon vor bald 25 Jahren wurde von der Senatsverwaltung geplant, stadtverträgliche schmalere Brücken- und Straßenneubauten mit den Einnahmen aus dann freiwerdenden Grundstücken in bester Lage zu refinanzieren – Pläne, die man dringend nochmal studieren sollte“, führt Nöfer aus.

Das Ausmaß verpasster Chancen werde immer größer. Bereits letztes Jahr habe sich der AIV im Rahmen der Allianz für einen neuen Mühlendamm mit 15 anderen Vereinen und Verbänden gegen eine Wiederholung der stadtzerstörenden Autobahnbrücken ausgesprochen. „Der damaligen Bitte um ein Gespräch oder einen runden Tisch zur Neugestaltung der Mühlendammbrücke ist die Verwaltung nie nachgekommen. Hier wird eine einzigartige Möglichkeit vertan, Berlin eine neue Mitte mit einer menschenfreundlichen Brücke zu geben“, so Goebel.
Diese drei Meter hohe Statue zierte bis 2017 die Gertraudenbrücke am Nikolaiviertel. Die drei Meter hohe Bronzeskulptur ist der heiligen Gertraud gewidmet, der Schutzpatronin gegen Mäuse- und Rattenplagen, der Reisenden und Pilger, der Gärtner und der Armen und Witwen. „Die Gertraude ist seit längerem beim Restaurator. Dort bleibt sie auch, bis die umfangreichen Straßen- und Brückenarbeiten in diesem Bereich beendet sind“, teilt das Landesdenkmalamt auf Nachfrage mit.
Diese drei Meter hohe Statue zierte bis 2017 die Gertraudenbrücke am Nikolaiviertel. Die drei Meter hohe Bronzeskulptur ist der heiligen Gertraud gewidmet, der Schutzpatronin gegen Mäuse- und Rattenplagen, der Reisenden und Pilger, der Gärtner und der Armen und Witwen. „Die Gertraude ist seit längerem beim Restaurator. Dort bleibt sie auch, bis die umfangreichen Straßen- und Brückenarbeiten in diesem Bereich beendet sind“, teilt das Landesdenkmalamt auf Nachfrage mit.

Neben den überdimensionierten und schmucklosen Neubauvorhaben kritisiert Stadtforscher Goebel auch den Umgang mit den historischen Brücken. So fehlt die Waisenbrücke, eine mit rotem Sandstein verkleidete wichtige Spreequerung in Mitte. Sie verband die nördlich der Spree gelegene Littenstraße mit dem südlich der Spree gelegenen Märkischen Platz. Nach der Sprengung 1945 wurde die Brücke zunächst provisorisch wiederhergerichtet, 1960 jedoch wieder abgebaut. Die Wiederherstellung der Brücke ist im Planwerk Innere Stadt – formuliert 2011 – zwar enthalten. Doch Wiederaufbau sei erst für 2026 bis 2030 angedacht, hieß es auf Nachfrage der Berliner Morgenpost bei der Senatsverwaltung für Verkehr. Wer genau hinschaut, kann heute noch die steinernen Auflager erkennen, die die Brücke einst an beiden Uferseiten trugen.

Offenbar keine Priorität genießt auch Berlins älteste Hängebrücke, die Löwenbrücke im Großen Tiergarten. Sie wurde bereits vor zwölf Jahren wegen Baufälligkeit für Radfahrer und Fußgänger geschlossen und schließlich abgebaut. Für 2014 war ein „denkmalgerechter Brückenneubau nach historischem Vorbild“ geplant. Doch bis heute ist das von imposanten Löwen bewachte Bauwerk nicht rekonstruiert.

Auch der Umstand, dass viele Brücken „ihrer Schmuckstücke beraubt im Stadtbild rumstehen“ ärgert Historiker Goebel. „Rathausbrücke, Gertraudenbrücke, Monbijoubrücke, Inselbrücke, Roßstraßenbrücke, Potsdamer Brücke“, nennt er einige besonders ärgerliche Beispiele. „Der Große Kurfürst auf der Rathausbrücke war der wertvollste Brückenschmuck auf der ältesten Brücke Berlins am Schloßplatz – durch den Nachbau der Schlossfassaden ist sein Fehlen eklatanter denn je“, sagt Goebel. Dabei gibt es das Reiterstandbild noch – es steht seit den 1950er-Jahren vor dem Schloss Charlottenburg.

Die Heilige Gertraud auf der Gertraudenbrücke wurde dagegen erst 2017 abgebaut und eingelagert. Denn die marode Brücke soll, wie ursprünglich geplant, nicht mehr nur saniert werden, sondern neu gebaut werden. So lange soll die drei Meter hohe Klosterfrau im Depot des Landesdenkmalamtes (LDA) in Friedrichsfelde verbleiben. „Die Gertraude ist seit längerem beim Restaurator. Dort bleibt sie auch, bis die umfangreichen Straßen- und Brückenarbeiten in diesem Bereich beendet sind“, teilt Christine Wolf vom Landesdenkmalamt auf Nachfrage der Berliner Morgenpost mit. „Das kann noch gut 20 Jahre dauern. Die Gertraude, Schutzgöttin der Berlin, muss umgehend zurückkehren!“, fordert Goebel.
Historische Postkartenansicht der Potsdamer Brücke in Tiergarten, um 1905. Die Brücke erhielt ein schmiedeeisernes Geländer mit floralen Ornamenten. Auf dem Scheitelpunkt befanden sich Kandelaber, die von zwei preußischen Adlern eingefasst wurden. An den vier äußeren Ecken der Doppelbrücke befanden sich zudem Sockel aus rotem Granit, auf denen Bronzestatuen zu Ehren bedeutender deutscher Naturwissenschaftler und Ingenieure aufgestellt wurden. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Potsdamer Brücke durch alliierte Luftangriffe beschädigt und in den Nachkriegsjahren repariert. Der Unterbau der Potsdamer Brücke von 1898 blieb größtenteils erhalten, der neue Überbau wurde schmucklos in Stahlbauweise hergestellt. picture alliance/arkiv
Historische Postkartenansicht der Potsdamer Brücke in Tiergarten, um 1905. Die Brücke erhielt ein schmiedeeisernes Geländer mit floralen Ornamenten. Auf dem Scheitelpunkt befanden sich Kandelaber, die von zwei preußischen Adlern eingefasst wurden. An den vier äußeren Ecken der Doppelbrücke befanden sich zudem Sockel aus rotem Granit, auf denen Bronzestatuen zu Ehren bedeutender deutscher Naturwissenschaftler und Ingenieure aufgestellt wurden. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Potsdamer Brücke durch alliierte Luftangriffe beschädigt und in den Nachkriegsjahren repariert. Der Unterbau der Potsdamer Brücke von 1898 blieb größtenteils erhalten, der neue Überbau wurde schmucklos in Stahlbauweise hergestellt. picture alliance/arkiv

Auch bei der im Jahr 2006 wiederaufgebauten nördlichen Teil der Doppelkonstruktion Monbijoubrücke am Bodemuseum wurde das Reiterstandbild des „liberalen 99-Tage-Kaisers Friedrich III. auf der Monbijoubrücke“ nicht wieder auf der Brücke aufgestellt, kritisiert Goebel. Genauso fehlt der einstmals prächtigen Inselbrücke der Schmuck, dabei wurden Teile der Putten und der Obelisken sowie einen großen Muschelkalk-Sockel im Zuge der Sanierung in den Jahren 1999/2000 von Tauchern entdeckt und anschließend in einer Steinmetzwerkstatt in Spandau restauriert oder nachgearbeitet. Wieder an Ort und Stelle angebracht wurden sie allerdings nicht.

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