Sandkastenspiele in der Draußenstadt

Eine Gruppe angesehener Planer fordert ein Architekturkonzept für Berlins Mitte

Die Welt vom 15.05.2013 von Dankwart Guratzsch

Was wird aus Berlin? Seit mehr als einem halben Jahrzehnt erlebt die deutsche Öffentlichkeit eine Stagnation der Hauptstadtplanung, die den ungeheuren Herausforderungen an eine Metropole des 21. Jahrhunderts nicht angemessen ist. Nun soll – ohne überhaupt zu wissen, mit welchem Ziel und welchem Inhalt – eine neue Internationale Bauausstellung (IBA) "Berlin 2020" alles rausreißen. Schon allein die Vorstellung des Stadtentwicklungssenators Müller und seiner glück(und farb)losen Senatsbaudirektorin Regula Lüscher, den Schauplatz dafür in die "Draußenstadt" (also an den Stadtrand) zu verlegen, klingt wie ein verspäteter Aprilscherz. Denn noch ist ja nicht einmal die Mitte Berlins wieder aufgebaut. Sie wartet noch immer auf Reparatur, Sanierung und Aufwertung.

Der Alexanderplatz braucht keine Krone aus Wolkenkratzern

Hans Kollhoffs Idealstadtvision der zehn Hochhäuser ist gescheitert. Eine einheitliche Traufhöhe wäre stadtgestalterisch unsinnig – denn der Himmel ist offen.

Der Tagesspiegel vom 11.05.2013 von Florian Mausbach

Der Alex ist nicht der Mittelpunkt der Stadt. Er war und ist seit Döblins Zeiten das große Versorgungs- und Einkaufszentrum des Ostens. In der geteilten Stadt war er nur zeitweilig Zentrum von „Berlin – Hauptstadt der DDR", Teil der repräsentativen Ost-West-Staatsachse der DDR. Während rundum die Altbauviertel verfielen, strebte die DDR mit dem höchsten deutschen Fernsehturm und dem Forum-Hotel als höchstem Berliner Hochhaus nach „Weltniveau". In der Mitte des Platzes sehnte sich die Weltzeituhr nach unerreichbar fernen Metropolen. Über die Weite des Platzes aber wehte der Wind der Taiga. In der Begeisterung des Mauerfalls richtete sich der faszinierte Blick der Planer aus dem Westen auf den unbekannten Osten.

Neuer Sinn für die Stadtmitte Berlins

Mit dem bisherigen Konzept zur Internationalen Bauausstellung 2020 blamiert sich Berlin. Auch deshalb spricht viel für die Idee von SPD-Landeschef Jan Stöß.

Der Tagesspiegel vom 02.05.2013 von Harald Bodenschatz

Mit der IBA 2020 hat Berlin bislang trotz mehrjähriger Suche und kostspieliger Vorbereitungen keine Lorbeeren ernten können: Das IBA-Konzept ist diffus, es gibt keine griffigen Botschaften, keine verständlichen Orte, keine überzeugenden Leitprojekte. Kaum jemand außerhalb der Fachwelt versteht, was für eine IBA der Senat überhaupt will. In dieser verfahrenen Situation hat Jan Stöß einen neuen Vorschlag in den Ring geworfen: eine IBA Stadtmitte. Die Reaktionen waren, wie erwartet, widersprüchlich: Für eine solche IBA bestehe kein Handlungsbedarf, das haben wir alles im Griff, das ist doch alles nur eine nostalgische Idee von grauköpfigen Herren, dafür ist die Zeit noch nicht reif.

Schöner wohnen am Roten Rathaus Vorstoß aus der SPD

Die Gegend rund um das Rote Rathaus soll wieder attraktiver werden
Der Tagesspiegel vom 20.04.2013 von Ralf Schönball

Die SPD will die Brachen im historischen Zentrum Berlins um das Rote Rathaus bebauen und dazu eine Internationale Bauausstellung (IBA) ausrufen. Etwa 4000 Wohnungen könnten dort entstehen. Dies sagte Landesparteichef Jan Stöß dem Tagesspiegel. Zurzeit sei die Innenstadt am Fuße des Fernsehturms „eine Brache ohne Aufenthaltsqualität". Es gebe keine Pläne, wie das historische Zentrum entwickelt werden könnte. Deshalb entstehe „mittelmäßige Investorenarchitektur" nach dem Zufallsprinzip der gerade frei werdenden Grundstücke. Dem will die SPD nun ein Riegel vorschieben: durch die Wiederherstellung von Straßen und Plätzen aus der Vorkriegszeit und den Bau neuer Wohnhäuser in den so rekonstruierten Blöcken mit „anspruchsvoller Architektur, die Berlin zu oft vorenthalten wurde".

Die Hüterin der Brachen

Stadtplanung in Berlin - Die Berliner Senatsbaudirektorin Regula Lüscher hat keine Vision für die Zukunft der Stadt. Lieber will sie die architektonische Hinterlassenschaft der DDR konservieren.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19.04.2013 von Adnreas Kilb

Vor zehn Tagen durfte die Berliner Senatsbaudirektorin Regula Lüscher auf dem leeren Flugfeld des einstigen Stadtflughafens Tempelhof ein Gingkobäumchen pflanzen. Der Gingko ist der sichtbare Ausdruck des „Leadership Awards der Immobilienwirtschaft", den Lüscher bereits im November vom Urban Land Institute, dem „führenden multidisziplinären Immobilienforum" (so die Selbstauskunft), für „zukunftsorientierte Stadtplanung und -entwicklung" empfangen hat. Und er ist mit seinen gespaltenen Blättern ein passendes Symbol für die Probleme, mit denen die Berliner Baupolitik unter der Ägide Lüschers zu kämpfen hat.