Debatte über Berliner Städtebau - Das Glück des richtigen Moments

So schnell schießen die Preußen besser nicht: Eine Diskussion über die Zukunft Berlins mit Norbert Lammert und Paul Spies.

Tagesspiegel vom 21.08.2020

Sachen gibt’s! Da fragt die sehr bürgerliche Stiftung Zukunft Berlin genauso bildungsbürgerliche Gäste nach dem „Wohin“ für unsere Stadt und bekommt eine Antwort, die niemand erwartet hat. Keine Abrechnung mit der sich selbst genügenden Verwaltung dieser Metropole, kein Schimpfen auf politisches Sektierertum einer selbstverliebten Koalition, sondern ein Lob der Langsamkeit. Frei nach der Devise: Wer nichts tut, macht schon nichts falsch.

Was da in der baden-württembergischen Landesvertretung ablief, war nicht etwa Kabarett, sondern ernsthaftes und durchaus emphatisches Bekenntnis zu dieser Stadt. Das „Wohin geht’s, Berlin?“ legten Stiftungsvorstand Volker Hassemer und der ehemalige Senatssprecher der Ära Wowereit, Richard Meng, als Thema sowohl Paul Spies, dem Museumsdirektor der Stiftung Stadtmuseum Berlin, als auch Norbert Lammert vor, heute Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung und von 2005 bis 2017 Präsident des Deutschen Bundestages.

Urbane Quartiere erfordern Mut

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21.08.2020 - Die Fragen stellte Michael Psotta

VIER FRAGEN AN: Martin Czaja, Beos AG
Über gemischte Nutzungen in einem Gebiet und den Widerstand der Kommunen.

Seit 2017 dürfen Kommunen „Urbane Quartiere" einrichten, um Wohnen,' Gewerbe, Kultur und soziale Einrichtungen nebeneinander zu ermöglichen. War das aus Ihrer Sicht sinnvoll?
Auf jeden Fall!
Meiner Meinung nach war dies einer der wichtigsten städtebaulichen Richtungweiser der vergangenen Jahre. Aktuell werden vor allem zwei Arten von Quartieren entwickelt: Auf der einen Seite klassische Stadtquartiere mit Fokus auf Wohnen und zusätzlichen Büro- beziehungsweise Handelsflächen - und auf der anderen Seite urbane Gewerbequartiere mit leichter Produktion und City-Logistik, aber meist ohne signifikanten Wohnanteil. Die Baurechtskategorie „Urbanes Gebiet" ermöglicht erstmals eine Mischform aus diesen beiden Ansätzen - zumindest in der Theorie. Tatsächlich wird diese Form des Quartiers jedoch bislang kaum umgesetzt.

Senat schönt Flussbad-Kosten

Tagesspiegel vom 08.08.2020 - von Lorenz Maroldt

Das ist ein Wetter zum ins Wasser springen – und was wäre schöner, das mitten in der Stadt zu tun, zwischen Humboldt-Forum und Bode-Museum? Die Spree als Flussbad – an diesem Traum arbeiten seit Jahren Stadtplaner, Architekten, Ingenieure und ein Verein, gefördert mit Bundes- und Landesmitteln von vier Millionen Euro, weitere 6,4 Millionen sind bereits bewilligt. Kurz vor Weihnachten 2019 beschloss der Senat: Das Projekt wird vollendet – für insgesamt 77 Millionen Euro. Im Beschluss, der am 27. Dezember dem Parlament zuging, wird diese Summe als „die prognostizierten Kosten“ dargestellt. Doch interne Protokolle und Mails, die dem Checkpoint vorliegen, deuten darauf hin, dass die tatsächlich zu erwartenden Ausgaben bewusst verschleiert wurden. So heißt es in einer Notiz der Stadtentwicklungsverwaltung zur Ausarbeitung der Senatsvorlage, dass „keine komplette Kostenprognose“ vorgelegt werden soll.

Neubau der Mühlendammbrücke : Autobahn oder Stadtjuwel

44 – 39 – 34? Wie viele Meter breit wird die neue Mühlendammbrücke, und wie wird sie aussehen? Ein Realisierungswettbewerb bietet Chancen für Änderungen.
Berliner Zeitung vom 29.6.2020 von Maritta Tkalec

Eine große Brücke in der Innenstadt baut man nicht alle paar Jahre. Die Mühlendammbrücke entstand 1968 als Spannbetonbau für den Autoverkehr: 45,2 Meter breit, achtspurig, ohne den kleinsten Hinweis darauf, dass an dieser Stelle bereits um 1220, also vor 800 Jahren, die Erbauer der Städte Berlin und Cölln einen Damm errichteten, der beide Siedlungen verband, und Wassermühlen anlegten. Das Kraftwerk gehörte zu den entscheidenden Faktoren, die die Neugründung über die Jahrhunderte florieren ließ.

Ein Neubau bietet die Chance, die auf massenhafte Fahrzeugdurchleitung angelegte Situation zu verändern, die historische Stadtteile voneinander trennt und die Innenstadtzone zu einem unwirtlichen und gefährlichen Ort macht. Eine Chance, wie sie für Jahrzehnte nicht wiederkommt.

So schlecht behandelt Berlin seine vielen Brücken

Gute Stadtplanung fängt bei Brücken an. Doch Berlin geht mit ihnen stiefmütterlich um, beklagt der Architektenverein AIV.
Berliner Morgenpost von 26.07.2020 - von Isabell Jürgens

In der Bundeshauptstadt Berlin gibt es mehr als 1000 Brücken, 816 davon befinden sich in Landesbesitz. Doch während diese wichtigen Verbindungsbauwerke in früheren Zeiten aufwendig gestaltet und damit stadtbildprägend waren, sind viele dieser historischen Bauwerke in den vergangenen Jahrzehnten durch schmucklose Neubauten ersetzt worden. Viele dieser reinen Zweckbauten sind inzwischen so marode, dass sie ersetzt werden müssen. Diese Chance sollte man nutzen, finden Tobias Nöfer, Vorsitzender des Architekten- und Ingenieur-Vereins zu Berlin-Brandenburg (AIV) und Benedikt Goebel, AIV-Vorstandsmitglied. Statt neue „Betonmonster“ zu bauen, solle Berlin sich besser auf seine reichhaltige Brückenkultur besinnen, fordern sie.